Gestern bei mir zuhause. Oder: Ich und mein Vergnügen …

Erinnert ihr euch an Fleischi? Also das bin ja eigentlich ich. Aber an L., der mich so nannte? Zur Erinnerung: Er küsste wie ein Mini-Presslufthammer und hatte diesen absurden Kosenamen für mich. Jedenfalls stand er gestern Abend plötzlich vor meiner Tür. Und ja, was soll ich sagen!? In der Not … Und hey, er hatte eine Flasche von meinem Lieblingsrotwein mit.

Ich bitte L. also hereinzukommen. Ich meine, wenn er schon mal da ist … Wir sitzen eine Weile auf der Couch, machen Smalltalk, den man auch getrost auslassen könnte. Wir unterhalten uns über seine Möpse (Hunde …) und Netflix. Ich sage, ich fände es schade, dass ich schon alle Staffeln von „Frankie & Grace“ durchhätte und darüber traurig sei. Er meint, ich soll sie mir noch einmal anschauen. Ich antwortet, dass sei wie mit Büchern, so toll sie auch sind, aber beim zweiten Mal macht’s nicht mehr so viel Spaß. Apropos Spaß, meint er daraufhin und rückt ein bisschen näher …
Er streicht sanft über meinen Oberarm. Er beugt sich zu mir vor und weil ich es vermeiden möchte, mit ihm zu schmusen, drehe ich mein Gesicht weg und küsse seinen Nacken. Ich mein, nicht jeder kann in allem gut sein. Und das mit der Not und dem Rotwein hatten wir ja schon … Er zieht mich weiter an sich heran. Mit seiner noch freien Hand fährt er unter mein Shirt und …

So, meine Lieben, jetzt wo ich eure Aufmerksamkeit habe: Bitte, bitte bleibt zuhause! Und haltet euch bitte an die Anweisungen der Bundesregierung! Sauft euch daheim an (großer Vorteil: Zuhause geht das auch in Unterhose! Apropos: Wechselt diese bitte trotzdem täglich!), macht Binge-Watching, telefoniert mit euren Lieben via FaceTime, überzieht endlich wieder mal über Bett, wischt unter der Couch heraus, macht ein Home-Workout, kniet auf euren Badezimmerboden und putzt die Fugen mit einer alten Zahnbürste (Nicht mit der, die ihr noch verwendet!), lest was, ruft wen an, mit dem ihr schon lange nicht telefoniert habt, macht einen Online-Kurs in Klopapierrollenbasteln – und nehmt verdammt noch einmal Rücksicht auf unsere Gesellschaft. Ist das denn wirklich so schwer?

ICH und MEIN Vergnügen …

Wenn ich Kommentare auf Facebook oder Instagram lese, wo es heißt „Letzte Party für lange Zeit“ kommt mir das Kotzen. Wenn Leute schreiben, dass sie nach einem einzigen Scheißtag zuhause nicht mehr wissen, was sie mit sich anfangen sollen, macht es mir Angst. Weil sich da einmal mehr zeigt, woran unsere Gesellschaft tatsächlich krankt. Dieses „immer weiter, immer höher, immer ich“ macht unsere Welt kaputt. Und wir ruinieren das, was unsere Großeltern und Eltern mühevoll für uns aufgebaut haben. Kapiert das bitte endlich!

Manchmal habe ich das Gefühl, es ist wie mit einem Körper, den man schindet und stresst und von dem man immer mehr abverlangt – irgendwann kann er nicht mehr. So geht es auch unserer Erde. Und so viele da draußen sind zu dumm, um das zu checken und sie stellen ihren Egoismus noch immer über alles andere. Wir nehmen Kredite für irgendeinen Eigentumsscheiß auf, die Weltreise machen wir trotzdem. Wir können essen was und wann wir wollen und anstatt dafür dankbar zu sein, glauben viele, es sei selbstverständlich. ICH und MEIN Vergnügen zählt mehr als UNSERE Gesellschaft. Dass sich das irgendwann nicht mehr ausgeht, ist klar … 

Habt ihr euch selbst wirklich so wenig lieb, dass ihr es nicht aushält, mit euch allein zuhause zu sein? Allein … Es gibt FaceTime, WhatsApp, Social Media und tausend andere Geräte, die uns mit der Welt da draußen verbinden und mit denen man die Stimme in einem übertönen kann, wenn man sie nicht erträgt. Es gäbe aber auch diese klitzekleine Möglichkeit, sich vor den Spiegel zu stellen und mal ernsthaft zu überlegen, was einen eigentlich ausmacht, wer man gerne wäre und wer man tatsächlich ist. Kann halt sein, dass sich das ein bisschen unangenehm anfühlt. Aber gut, dann gibt’s noch immer die digitalen Dröhnungsmittel.

Geht nicht raus in die Welt, bleibt zuhause!

Gestern hat mir eine Freundin geschrieben. Dass sie sich nicht um sich sorgt, aber um ihren Papa, weil er gesundheitlich angeschlagen ist. Sie hat mir erzählt, wie konsequent sie und ihr Mann sich an die Maßnahmen, die uns ans Herz gelegt wurden, halten. Dass sie für ihren Vater vorkocht und ihm das Essen vor die Tür stellt. Und während ich das hier schreibe, drückt es mir die Tränen in die Augen. Weil ich sorge mich auch um meine Eltern und all die Menschen, die mir wichtig sind. Und ich hätte sie auch gerne gerade um mich herum. Weil es das ist es, was zählt im Leben und weil ich sie alle gerne bald wiedersehen und mit ihnen in ein einigermaßen normales Leben zurückkehren möchte. Mir drückt es die Tränen in die Augen, weil ich einfach nicht verstehen kann, was so schwer daran ist, zusammenzuhalten, seine eigenen Bedürfnisse ein bisschen zurückzuschrauben und aufeinander zu schauen.

Ich hab mich das schon oft gefragt, nicht nur in der derzeitigen Situation: Was ist mit uns allen passiert, dass wir partout nicht fähig sind, unseren Egoismus runterzufahren? Woher nehmen wir diese Überheblichkeit, zu glauben, dass uns dieses oder jenes zusteht? Uns steht nämlich ein Scheißdreck zu. Dir nicht, mir nicht und keinem Häuselpapier-Horter da draußen. Und keiner von uns ist besser als der andere.

Also bitte, bitte geht NICHT raus in Welt und seid lieb zueinander!

Aja, Fleischi stand natürlich nicht mit einer Flasche Rotwein gestern Abend vor meiner Tür.

Und einmal geht’s noch, sollte es jemand in der Zwischenzeit wieder vergessen haben: BLEIBT ZUHAUSE! Verzichtet auf „ein letztes Mal noch bla bla bla“, weil sonst ist es bald wirklich das letzte Mal.

3 Kommentare

  1. Das mit dem daheim bleiben klingt ja recht gut, aber ich muss trotzdem raus und arbeiten gehen. Du hast vollkommen recht wenn du sagst das die Gesellschaft nur mehr aus lauter Egoisten ist und das die meisten nur an sich denken. Ich habe es irgendwie nie in diese Art Gesellschaft hineingeschafft, weil es mich glücklich macht wenn andere glücklich sind. Helfe ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Ich gehöre auch nicht zu dieses Vollpfosten die sich tonnenweise mit Nudeln, Klopapier oder Desinfektionsmitteln eindecken. Meine Eltern gehören beide in diese Hochrisikopatientenkategorie weil beide gesundheitlich schwer angeschlagen waren und es auch weiterhin sind. Ich bemühe mich auch soweit es geht mein Kind dazu zu bringen die Kontakte zu anderen kurz zu halten. Was bei jugendlichen nicht so leicht ist, weil die ja nicht wirklich verstehen was das derzeit abgeht. Ich verstehe auch nicht warum man den Menschen erklären muss sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen oder wenn man draußen in der Öffentlichkeit sich herumtreibt und dabei alles mögliche angreift sich zu säubern. Das sollte eigentlich vom Kindesalter an schon so gelernt worden zu sein. Und dennoch ist diese Erkenntnis für viele wie eine Neuentdeckung. Das viele Maßnahmen mehr Larifari ist als das man damit diesen Virus bekämpft, sollte einem logisch denkenden Menschen klar sein aber dennoch muss natürlich etwas dagegen getan werden. Vielleicht bringt das ganze ja auch ein leichtes Umdenken in der Gesellschaft das man zum Beispiel nicht wegen jedem Scheiß gleich zum Arzt oder ins Spital läuft. Das man andere Menschen sogar mit mehr Respekt behandelt. Auch was die Sauberkeit betrifft könnte dadurch ein denken geschehen. Ist eine Frage der Dauer. Ist es von kurzer Dauer verfallen die meisten gleich darauf wieder in alte Muster. Dauert es aber länger könnte es ein Umdenken bringen. Früher gab es dafür die Pfadfinder mit ihrem Motto:“ Jeden Tag eine gute Tat“. Vielleicht bringt es einige dazu anderen mehr zu helfen ohne dabei an einen Vorteil zu denken.
    P.S. Nicht alles kann man mit Videochat ausgleichen.

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  2. Hallo und grüß Gott! Ich bin ja schon alt und hab Kinder in deinen Alter, aber echt cool oder kraß oder so, das jemand so(!) schreibt. Also normal , das was ich für normal erachte. Das nötigt mir Respekt ab und gibt Hoffnung, das diese Welt nicht doch nur von Egoisten bevölkert wird. Ich jedenfalls hab versucht meine Kinder dahingehend zu erziehen, das sie jeden Tag diese eine „gute“Tat (oder eine darüberhinaus) tun…
    Also in diesen Sinne: weiter so. Mich hat dein Text echt gefreut.
    liebe Grüsse aus Deutschland

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