Wie Selbstliebe NICHT funktioniert …

Definition Selbstliebe: „Selbstliebe ist ein wesentlicher Teilaspekt des umfassenderen Selbstwertgefühls, das in einem hohen Maße nicht nur das Selbstbild eines Menschen bestimmt, sondern auch Basis eines wertschätzenden Umgangs mit anderen Menschen ist. Die Interaktion mit der Umwelt wird zu einem wesentlichen Teil durch die Selbstliebe einer Person geprägt. Eine andere, für Sozialkontakte fast ebenso wichtige Selbstwert-Komponente ist Selbstvertrauen, d.h. das Vertrauen in die Fähigkeit, das eigene Leben gestalten und selbst gesteckte Ziele erreichen zu können.“ (Wikipedia)

So, nachdem wir das geklärt haben, würde ich mir nun bitte gerne selbst einen Orden verleihen. Feierlich und hochoffiziell, weil ich finde, dass ich ihn mir echt verdient habe. Zweifellos. Ich habe eine wirkliche Glanzleistung hingelegt. Und deshalb ernenne ich mich an dieser Stelle jetzt zur „Vollidiotin des Sommers 2019“. Herzlichen Glückwunsch, aber auch!

Ich bin letztens vier Stunden am Pool eines echt feinen Hotels gelegen, mit dem ich mit meiner Mutter auf Wellness-Urlaub war. Machen wir jedes Jahr einmal. So ein Frauending. Mit Massagen, Gesichtsmasken, endlos langen Gesprächen und Lachanfällen abends im Bett. Dieses Mal haben wir uns ein relativ neues Vier Sterne-Ressort gebucht. Alles sauber, schön und 190 Euro die Nacht. Halbpension. Ein Frühstücksbuffet am Morgen mit eigener Spiegeleier- und Pancakes-Station, abends ein Drei-Gänge-Menü. Das Wetter war auch traumhaft. Die Sonne hat vom blauen, wolkenlosen Himmel gelacht. Es wehte eine laue Brise, die dafür sorgte, dass die Luft nicht zu schwer war. Angenehme 23 Grad. Haaaa! Herrlich! Und erst die die Kulisse. Man hat von den Liegen aus auf in die grünen Weinberge gesehen. Schmetterlinge sind fröhlich umhergeflattert, Vögel haben heiter gezwitschert … 

… Und ich habe dreieinhalb Stunden von den vier damit verbracht, mir zu überlegen, dass meine Haut ja viel zu weiß ist. Nicht nobel weiß wie der Teint von Schneewittchen. Unvorteilhaft weiß. Hässlich weiß. Zum Verstecken weiß. Ich habe die Dehnungsstreifen an meinen Oberschenkeln gezählt, habe festgestellt, dass es viel zu viele sind und es kaum möglich ist, sie tatsächlich zu nummerieren, weil sie ineinander übergehen. Wie ein unübersichtliches Spinnennetz, das man über meine Beine gespannt hat.
Dann habe ich bemerkt, dass meine Fesseln viel zu stark und meine Oberarme viel zu schwabbelig sind. Außerdem hat mir das Internet erzählt, dass man den Speck in den Achseln „Pralinentäschchen“ nennt. Auf Instagram habe ich nach vorteilhaften Pool-Posen recherchiert und bin draufgekommen, dass jede einzelne davon ziemlich unbequem ist.
Ich habe darauf verzichtet, zur Abkühlung ins Wasser zu springen, weil ich gefunden habe, dass die hochstehende Sonne zusammen mit der Erschütterung beim Auftreten eine möglichst uncharmante Kombi ergeben, was meine Cellulite betrifft. 

Furchtbar!!!“, denke ich mir, als ich gerade bin, auf Google einzugeben: Übungen für schmalere Waden. „Furchtbar, wie lieblos du mit dir selbst umgehst!!!“, bin ich plötzlich von mir selbst erschüttert. Und vor allem, frage ich mich gerade, was mir das bitte bringen soll – außer, dass ich mich den ganzen Nachmittag lang selbst gegeißelt habe. 210 Minuten habe ich damit verbracht, meinen Kopf mit abwertenden Ideen über mich selbst zu füttern. 12.600 wertvolle Sekunden. Das ist echt viel Zeit, vor allem in einem teuren Wellness-Hotel.

Nicht mit mir!

Ich meine, man kann ja schon auf sich schauen und an sich arbeiten und muss sich nicht zwangsläufig mit dem Ist-Zustand seiner Selbst zufrieden geben. Entwicklung gehört dazu, sonst kommt’s zum Stillstand. Manchmal tut der auch ganz gut, aber auf Dauer macht es nur müde und träge, wenn man sich nicht weiterbewegt. Hab jetzt nicht ich erfunden. Lao-Tse zum Beispiel hat schon gesagt: „Fürchte dich nicht vor der Veränderung, sondern vor dem Stillstand.“ Wobei … Bei den Dehnungsstreifen hilft halt keine Bewegung … Da würde es maximal helfen, sich mit Jogginghose an den Pool zu legen. Weil ich aber so schnell schwitze, ist das keine Option für mich. Deshalb bleibt nur Akzeptanz. Und von der bin ich aktuell so weit weg wie gefühlt meine Kaffeemaschine morgens von meinem Bett.

„Das kann’s echt nicht sein“, sage ich zu mir selbst, „Du bist eine eigentlich starke Frau, weißt, was du willst, legst keinen Wert auf Oberflächlichkeiten und dann machst du einen innerlichen Aufstnd wegen ein bisschen unperfekter Haut.“ So geht das nicht! Ich beschließe, dass ich einfach nicht mehr einsteige, wenn sich das blöde Gedanken-Karussell wieder zu drehen beginnt. Keine einzige Runde fahre ich mehr mit! Nicht mit mir!!! Nein!! Ein klares, deutliches NEIN!

Denn ich bin es mir wert! Jawohl!!! Ich bin schön! YESSSSS!
Ich bin toll! Und wie!!!!!
Ich bin eine Meisterin der Selbstliebe!!!!!!! Oh ja, das bin ich!!!!

Und wenn ich schon dabei bin, pfeffere ich meinem Unterbewusstsein gleich noch ein paar neue Glaubenssätze für mehr Body Positiviy hin:

Ich liebe meine Cellulite!!! Jaaaaa!!!
Ich feiere meine Dehnungsstreifen!!! Halleluja!!!!
Es gibt nichts Schöneres als starke Fesseln!!! Nichts Schöneres!!!!
Die Oberarme sollen schwabbeln!!! AMEN!!!

Naja … Ich muss zugeben: Wirklich überzeugt bin ich nicht von dem, was ich da von mir gebe … So weit bin ich dann scheinbar doch noch nicht.

Nur ein Prozentchen Selbstliebe …

Da fällt mir Lifecoach Laura Malina Seiler ein. In einer ihrer Podcast-Folgen hat sie mal erzählt, dass man seine Gedanken nicht immer gleich um 100 Prozent verändern muss. Für den Anfang reicht nämlich auch ein Prozent. Ein winzigkleines Baby-Prozentchen. Ich könnte mich also eigentlich mit mir selbst darauf einigen, es für den Anfang mal mit einer neutralen Einstellung zu probieren. Und mit meiner Cellulite, meinen Dehnungsstreifen und meinen Fesseln handle ich auch gleich noch einen Deal aus: Ich lass sie dort, wo sie sind und dafür lassen sie mein Hirn in Ruhe.

So und auf diese Lektion in Sachen Selbstliebe gönne ich mir jetzt einen Aperol-Spritzer! Okay, vielleicht werden es auch zwei … Und ein Eis. White Chocolate und Cookies. Eventuell hol ich mir davon auch noch ein zweites! Wobei, das ist wie mit den Selbstliebe-Gedanken – man muss es ja nicht gleich übertreiben …

Die halbe Stunde, in denen ich mir keine hässlichen Überlegungen zu meiner Erscheinung gemacht habe, hab ich übrigens geschlafen. Vermutlich mit offenem Mund …

3 Kommentare

  1. …so jetzt hab ich mir auch das Bildmaterial zu dicken Fesseln auf Google gegebenen und festgestellt: Bei mir sind die auch „ausgeprägter“!!! Wtf!! Irgendwie stimmt mich trotzdem jedoch der Gedanke ruhig, alles wäre „operierbar“… mit dem nötigen Kleingeld … was ich mir mit Hirn & Arbeit beschaffen kann. Hingegen Hirn alleine operieren stell ich mir schwierig vor. Also lieber „körperliche“ Defizite als kein Hirn, ohne Hirn bist echt aufgeschmissen… 🤷🤣

    …nur so meine Gedanken dazu…🙈🤣

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  2. Da lobe ich mir doch die Männer! Die geben sich mit solchem Kram überhaupt nicht ab und schleppen ihren Bierbauch und ihre blassen Waden ganz selbstbewusst durch die Landschaft.
    Übrigens wird dein Artikel morgen (Donnerstag) bei mir in den Coolen Blogbeiträgen verlinkt werden!
    LG
    Sabienes

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  3. Gerade in Google nur Fesseln eingegeben…das eröffnet andere Gebiete.

    Wenn meine Selbstliebe mal wieder Pause macht rufe ich mir immer wieder in den Kopf dass sich absolut keiner für mich interessiert. Das hilft, im Endeffekt interessiert sich Dame oder Herr XY eh nur für sich selber und seine Schwabelärmchen…man selber guckt ja auch in der Menge rum und stellt dann fest wie viel besser jeder andere aussieht. Dann besinn ich mich darauf, dass die auch alle nur rumgucken und denken wie viel toller ich aussehe und meine Zebrastreifen am Bein gar nicht bemerken…dann geht’s einem wieder gut und man kann auch mal ohne Gedankenkarussell im Schneidersitz Platz nehmen und Bauchatmung betreiben.

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