Was schlimmer als schlecht Küssen ist …

Das ist er! Das ist der Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte, dachte ich mir, als ich ihn zum ersten Mal sah: Merlin. Hätte mir jemand gesagt, ich soll meinen Traummann zeichen – er hätte so ausgesehen: Markantes Gesicht, wunderschönes Lachen, gepflegte Zähne, ausdrucksstarke Augen, … Als er sich beim Vorbeigehen dann auch noch zu mir umdrehte, konnte ich mein Glück nicht fassen. Ich wollte am liebsten auf der Stelle, mitten im Lokal, aus tiefster Dankbarkeit auf den Boden fallen und vor Glück weinen. Tat ich nicht, sondern sagte stattdessen – nicht weniger pathethisch – zu meiner Freundin: „Ich glaub, es ist der schönste Tag meines gesamten Lebens! Plötzlich macht alles Sinn. All die Vollidioten, Vollpfosten und Komplexer, die ich daten musste … Das Happy End ist da! Halleluja!!!“

Netflix & chill. Zwinkersmiley.

Und tatsächlich: Im Laufe des Abends sprach er mich an und wir verabredeten uns für die Woche darauf. Wir trafen uns und wollten uns wiedersehen. Wir gingen gemeinsam essen, spazieren, Cocktails trinken. Es war eine gute, wunderbare Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Und schließlich war es soweit: Wir haben uns zum Filmeabend bei mir daheim verabredet … Netflix und chill. Zwinkersmiley. Zwinkersmiley. Zwinkersmiley.

Der perfekte Kuss

Dieses Mal würde es also passieren: Wir würden übereinander herfallen. Jaaaa! Was freue ich mich auf unseren ersten Kuss. Das wird großartig werden. Das wird ganz wunderbar werden. Mein ganzer Körper wird implodieren. Ich spüre, wie sich mein Herz schon jetzt für ein buntes, farbenfrohes Feuerwerk der Gefühle rüstet. Vorsorglich habe ich deshalb zwei Tage davor einen großen Bogen um Knoblauch und Zwiebel gemacht, mir eine Packung extra scharfen Kaugummi besorgt und einen Mundspray. Sicher ist sicher. Es muss der perfekte Kuss werden, denn er wird der Anfang einer ganz besonderen Liebesgeschichte sein … 

„Was für einen Film schauen wir?“, fragt er mich, während er aufrecht und etwas unbeholfen neben mir auf der Couch sitzt.
Ich zucke mindestens genauso unbeholfen mit den Schultern.
„Irgendwas mit Haien?“, sage ich schließlich. Ich bin ja raffiniert und plane voraus. Wenn der Hai am Fuß des Hauptdarstellers knabbert, kann ich meinen Kopf in seine Armbeuge bohren und irgendwas säuseln von „Das ist ja sowas von gruselig!!!“ Und dann streicht er mir übers Haar und hebt mein Kinn und küsst mich schließlich. Hach, wie schön!
Er nickt und grinst. Er hat wohl dieselbe Vorstellung. Gut so.

Kleiner Zeitsprung.

Der Hai hat bereits fünf Menschen verspeist und ist gerade dabei, der sechsten das Bein abzutrennen, als Merlin sich zu mir herüberbeugt und mich küsst. Es fühlt sich … Wie soll ich sagen? Es fühlt sich so an, als würde jemand mit einem Mini-Presslufthammer meine Mundhöhle bearbeiten. Nicht so gut … Aber vielleicht ist er nervös. Vielleicht legt sich das noch. Ich hoffe es.
„Na, willst du noch weiterschauen?“, sagt er und zwinkert mir dabei zu. Von der anfänglichen Unbeholfenheit ist plötzlich nichts mehr zu spüren.
„Ich glaube schon“, sage ich. Nein, sage ich natürlich nicht, sondern schüttle den Kopf und bete, dass das mit dem Küssen noch was wird.
Wird es nicht.
Irgendwann gebe ich auf. Ich bin gedrückt. Er kann’s einfach nicht. Unser erster Kuss reiht sich in die Top 10 der schlechtesten Küsse in der Geschichte. Das ist die bittere Wahrheit. Sagen wir’s, wie’s ist.

„Jetzt kommt das große Finale“, sage ich und drehe meinen Kopf enttäuscht Richtung Fernseher. Immerhin. Er versteht mein Zeichen, dass wir das mit dem Küssen jetzt mal lassen. Während wir uns auf den Film konzentrieren, streichelt er meinen Rücken. Das wiederum kann er gut. Ja, das mag ich. Komm, mach weiter. Ich schließe die Augen und genieße. Vielleicht wird das mit dem Schmusen ja doch noch was. Man kann küssen lernen. Oder? Ich sag ja, man kann es lernen. Man kann lernen, wie man einen Fischgrätenzopf flechtet. Man kann Japanisch lernen. Und man kann sogar lernen, wie man ein Herz operiert. Also wird man auch Küssen lernen können. Ein kleines bisschen Hoffnung keimt wieder in mir auf. Er rückt näher an mich heran.

Und da passiert es. Die eine Sache, die schlimmer als schlecht Küssen ist. Die nicht nur ein bisschen, sondern viel, viel schlimmer als schlecht Küssen ist.

„Mein Fleischi“, haucht er mir ins Ohr, während er zärtlich meine Hüfte tätschelt. Tja, in exakt diesem Moment löst sich unsere gemeinsame Zukunft endgültig in Luft auf. Puff!

3 Kommentare

  1. Haha die Story katapultiert mich gedanklich mind. 15 Jahre zurück, als meine Freundin und ich zwei Brüder küssenderweise „kennen gelernt“ haben. Meiner klein und hässlich und ihrer gross und sehr anschaulich. Tja und wer war der bessere Küsser? 😂
    Herrlich diese Geschichte. Gibt es eine Fortsetzung?

    Antworten

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