Polizeikontrolle in Kapstadt. Oder: Das Ende meiner Lebensträume

T. erzählt von seinem siebenseitigen Lebenslauf. Zuerst irgendwas mit Medien, dann irgendwas mit IT und später irgendwas mit Finanzen.
„Du hast echt schon alles gemacht. Bestimmt auch Pornos“, witzelt S.
„Habe ich tatsächlich“, antwortet T. Stille. Nachsatz: „Nicht als Schauspieler, sondern als Cutter.“ Er erzählt vom freundlichen Ambiente am Set und dass es immer Orangensaft gab. Zum Nachspülen nach einem BJ. Soll den Geschmack neutralisieren oder so.
„Was ist ein BJ?“, fragt V.
„Blowjob“, sagt S.
„Was ist ein Blowjob?“, fragt V. V. ist 46. Wieder Stille. Peinliche Stille. Verunsicherte Blicke. Meint sie das wirklich ernst? Ich glaube ja. M. sagt, sie hat geblufft.
S. erklärt es V. Ich fühle mich zurückversetzt in die Biostunde in der Unterstufe. Es folgen viele, viel zu viele Teenie-Witze. Unreif, eigentlich nicht mal wirklich lustig, trotzdem lachen alle.
„Wollen wir weiterziehen?“, schlägt M. vor, als sich die Scherze anfangen zu wiederholen.

Wir brechen auf. T. bringt uns in einen Schuppen, der sich „Idiot irgendwas“ nennt. Am Weg dorthin kommen wir an einem Lokal vorbei, auf dessen Fensterfassade ein fetter Schriftzug klebt: „Don’t be a dick“. Kindisches Kichern. Ich kann nicht glauben, dass die jüngsten in der Gruppe Ende 20 sind … Aber gut, ich brauche nicht reden … Ich bin 34 und habe auch gelacht. Nach drei Runden Bier im „Idiot irgendwas“ nehmen wir uns ein Uber in einen anderen Stadtteil. Dort gibt es einen Club, an dem viel los sein soll. Name habe ich natürlich wieder vergessen. Viel Holz und tatsächlich viel los. Wir warten etwa 30 Minuten, bis wir reingelassen werden.

„Polizeikontrolle! Papiere, bitte!“

Zweieinhalb Stunden und zwei Gin Tonic später schließt der Schuppen. Mein Akku ist leer. Der von M. auch. Wir nehmen uns ein Taxi. Bisschen Smalltalk. Unser Fahrer ist auch Kenia. „Ich mag Kenia. Kenia ist ein schönes Land“, sagt M. Ich sage nichts, weil ich nicht weiß, ob Kenia ein schönes Land ist. Immerhin war ich noch nie dort. Ich weiß nur, dass EAV-Frontman Klaus Eberhartinger genauso fasziniert von Kenia ist. Das wiederum wird unseren Taxler eher weniger interessieren.
„Ich mag Kapstadt sehr“, sage ich, um auch etwas zur Konversation beizutragen.

Auf der Hälfte des Weges hält der Fahrer plötzlich mitten auf der Straße an.
„Was ist los?“, fragt M.
Ich schiele vor auf die Tankanzeige. Vielleicht ist ihm ja der Sprit ausgegangen. So wie unserem Gastgeber letztens der Strom. Zack, bumm, auf einmal war alles schwarz. Das mit dem Strom funktioniert hier anders als bei uns. Man bestellt eine bestimmte Kilowatt-Menge via App. Wenn die aufgebraucht ist, dreht sich alles ab und man muss nachbuchen. Der Tank ist aber noch halb voll.

„Die Polizei …“, sagt der Fahrer, während sich bereits zwei Beamte neben unserem Wagen aufbauen. Ich merke, dass er nervös ist. Automatisch werde auch ich unruhig.
„Was wollen die?“, frage ich aufgebracht.
„Polizeikontrolle! Papiere, bitte!“ beantwortet einer der Cops meine Frage.
Ich suche in meiner Tasche nach meinem Reisepass. Panik steigt in mir hoch und mein Kopf ist voll von diesen Schauermärchen, wo Touristen grundlos inhaftiert werden und nie wieder freikommen. Gibt es in Südafrika die Todesstrafe? Ich will es googeln. Verdammt. Mein Akku ist ja leer.

Vor meinem geistigen Auge spielt sich ein Horrorfilm ab: Ich sehe mich abgemagert und ungewaschen in einem afrikanischen Gefängnis sitzen, in dem ich mir mit 350 anderen Insassinnen eine Toilette teilen muss, die mitten in einer riesigen Gemeinschaftszelle steht. Meine Eltern kommunizieren verzweifelt mit der Botschaft, während ich irgendeinem schwindligen Anwalt meine Unschuld beteuere. Wieso muss gerade uns eine Polizeikontrolle passieren? Wir haben nichts getan! Wir sind zwei friedliebende, freundliche, grundanständige Menschen!!!

Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür …

„Aussteigen!“, befiehlt der Beamte jetzt.
Ich bin dabei, mit zittrigen Händen die Autotür zu öffnen. Mir wird bewusst, dass es überhaupt die erste Polizeikontrolle meines Lebens ist. Und das ausgerechnet in Südafrika. Millionen Kilometer von daheim weg! Als würde sich das Universum denken: Wenn schon, denn schon … Ich bete, dass mir im Club niemand etwas untergeschmuggelt hat. Aber ich hatte meine Tasche die ganze Zeit bei mir. Aber vielleicht hat mir jemand was in die Hosentasche gesteckt? Der Club war so voll, dass ich das vermutlich nicht mitbekommen hätte. Ich kann nur jetzt schlecht nachschauen. Viel zu auffällig. Und jetzt ist es sowieso schon zu spät … Dabei hatte ich noch so viel vor mit meinem Leben … So viele Träume, Wünsche, Pläne, die jetzt hier für immer zerplatzen … Puff und weg!

„Nur der Mann“, befiehlt er weiter. Erste Reaktion: Uff, Glück gehabt. Zweite Reaktion: Nein, nehmt mir M. nicht weg! Ich brauche ihn. Ohne ihn bin ich nichts. Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür. Warum um Himmels Willen fällt mir jetzt dieses Scheißlied ein? Der schier ungünstigste Zeitpunkt für schlechten Schlager …

Leibesvisitation und enttäuschte Blicke der Beamten, als sie sehen, dass M. keine Drogen mitführt. Auch nicht in seiner Unterhose … 
„Sie haben auch sicher nichts dabei?“, fragt mich der Polizist und blendet mich mit seiner Taschenlampe.
Ich schüttle vehement den Kopf. Gleichzeitig versuche ich, möglichst unschuldig dreinzuschauen und habe das Gefühl, ich mache mich damit erst recht verdächtig. Das ist wie beim Fahren mit den Öffis: Selbst wenn ich weiß, dass ich zu tausend Prozent einen Fahrschein bei mir habe, schießt mein Puls schlagartig hoch, wenn ein Kontrolleur „Fahrscheinkontrolle!!!“ schreit.

„Gut. Sie können weiterfahren. Und schönen Urlaub noch.“
Ich sinke erleichtert in den Sitz zurück. Ahhhhh … Aufatmen! Wir haben die Polizeikontrolle unbeschadet überstanden. Während die Nervosität von mir abfällt, finde ich doch ein bisschen Gefallen an der Idee, M. und ich könnten ein Gaunerpaar wie Bonnie & Clyde abgeben. Unerschrocken, wild, gegen jedes Gesetzt und zusammen gegen den Rest der Welt. ACAB und so. Bäm! Entdecke ich hier in Kapstadt etwa noch meine dunkle Seite?
M. lacht neben mir auf: „Wenn die wüssten, dass wir unser zweites Gin Tonic zurückgeschickt haben, weil es uns zu stark war …“





Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.