Milchschnitte her, oder ich verhungere!

Ich habe die letzten Tage oft ein Bild in meinem Kopf: Ich als neunjähriges Kind wie ich mit meiner Oma am Esstisch sitze und wir beide das „Wetterpanorama“ schauen. Mehr hat es um sieben in der Früh nicht gespielt. Aufnahmen von verschneiten Berggipfeln und Instrumentalmusik im Hintergrund. Pensionisten-Meditation.
Während ich diese Zeilen schreibe, läuft bei mir ORF2. Eine Hommage an früher. Und plötzlich tauchen noch mehr Bilder vor mir auf auf: Das alte Festnetztelefon auf der Vorzimmerkommode, die Dose mit Grammeln in der Speis, die immer am selben Platz stand, gerade noch in Reichweite für meine Mini-Ärmchen, die Holzscheitel in der Küche zum Heizen vom Ofen.

Und ich sehe mich, wie ich mich im Klo einsperre und rufe: „Ich komme hier nicht mehr raus, wenn ich keine Milchschnitte bekomme!!!“
„Jetzt tu nicht so“, ruft meine Oma von draußen.
„Doch! Ich mach einen Hungerstreik!“
„Ich ruf jetzt gleich deinen Vater an und sag ihm, wie schlecht du bist!“
„Mach das! Und sag ihm, dass du mich hier verhungern lässt. Er wird nicht begeistert sein …“
„Kathi!“
„Oma!!!“
„Wie kannst du dich so daneben benehmen?“
„Wie kannst du so herzlos zu mir sein?“
„Es ist zehn. In einer Stunde gibt’s Mittagessen. Schnitzel.“
„Ich will jetzt was essen.“
„Ich schmier dir ein Butterbrot.“
„Milchschnitte. Milchschnitte. Milchschnitte.“
„Du machst mich fertig.“
„Du mich auch!“
„Sperr auf!!“
„Nein, ich verhungere hier! Es ist beschlossene Sache! Zu spät!“

Stille.

„Oma?“

Undefinierbares Rascheln aus der Ferne.

„Oma?“

Beschwerliches Stöhnen aus der Nähe.

„Oma!?“

Beschwerliches Stöhnen, das immer näher kommt. Plötzlich bewegt sich das kleine Fester, das das Klo mit dem Badezimmer verbindet.
„Oma, was machst du?“
„Ich kann dich hier ja nicht verhungern lassen, an dir ist sowieso schon so wenig dran“, haucht meine Großmutter gequält, nachdem sie auf den Badewannenrand geklettert war, um das Fenster zu gelangen, und schießt eine Milchschnitte durch die Öffnung. Die Nascherei landet auf dem gehäkelten, orangefarbenen Klopapierhut am Spülungskasten.

Ach, Oma, ich vermisse dich sehr. Und die vielen Milchschnitten, die ich am Häusl gefuttert hab. Deinen Erdäpfelsalat, die bunten Lockenwickler im grauen Haar, deinen Haarspray, der nach Mottenkugel roch und deine Stiegenhaus-Tratschereien mit Frau Pölzl. Ich denke sehr oft an dich in letzter Zeit, vermutlich, weil mich die entschleunigte Zeit sehr an die Wochenenden bei dir erinnert. Nur dass mir jetzt niemand Milchschnitten ins Klo nachschmeißt. Leider.

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