Vom Handy, das in der Handtasche verloren ging …

Wer gestern um 18 Uhr 37 am Stephansplatz war, weiß jetzt, was ich in meiner Handtasche habe. Nämlich:

3 O.b.s
fünf zernudelte Kaffeehaus-Rechnungen
einen Brief von der Krankenkasse
einen Ohrring
drei Lippenstifte
eine XXL-Packung Kaugummi
eine Hotelseife
einen Schlüsselbund
eine Nagelfeile
eine Visitenkarte von einem mexikanischen Tequila-Vertreter, den ich auf irgendeinem Event kennengelernt habe
eine Visitenkarte von einer jungen Malerin, die ich auf irgendeinem Event kennengelernt habe
Haarklammern, viele
eine Tupperdose
ein Deo
eine halb verbogene Sonnenbrille (Notiz: Etui kaufen!!)
einen Tangle Teezer
eine Geldtasche
einen Bonusclubkartenfolder

… und ein Handy. Das hatte ich kurz davor noch in der Hand, weil ich einer Freundin ein Foto von mir in der Umkleidekabine geschickt hatte. Ich war auf der Suche nach einem neuen Bikini. „Ist Hüftspeck diesen Sommer zufällig angesagt?!“ habe ich unter das Foto geschrieben. „Nein, nimm einen Badeanzug. Kaschiert besser“, hat sie geantwortet. Ich schätze ehrliche Menschen sehr …

15 Minuten später …

… spaziere ich durch den ersten Bezirk. Hach, Wien hat schon was! Mich fasziniert die Eleganz und der historische Charme der Altstadt. Die prachtvollen Fassaden, die romantischen Gassen, die … „Oida, G’schissene, du stehst ma im Weg! Geh ummi!“, pöbelt mich eine Frau Mitte 40 von der Seite an, eine Bierdose in der Hand. Ich lächle und weiche aus. Irgendwie mag ich auch das – die derbe Seite Wiens, die zynische Gosch’n der Grantler, die Proleten-Beisln …

Okay, heute hab ich einen besonders guten Tag. Ich bin heute auch sehr großzügig im Komplimente machen, habe ich schon festgestellt. Übrigens hab ich mir angewöhnt, das auch bei Fremden zu machen, wenn mir an ihnen etwas besonders gut gefällt. Ist nett. Meistens freuen sich die Leute, sagen „Danke, das ist aber sehr lieb“ und lächeln. Ein paar gibt’s, die sagen nichts, ziehen ihre Taschen fester an sich oder überdrehen die Augen …

 Wo zur Hölle ist mein verdammtes Handy!?

Ich muss ein Foto vom Dom machen und es auf Instagram posten und dazu schreiben, wie verliebt ich in die Stadt bin. Gibt sicher ein paar Likes. Ich fische in meiner Tasche nach meinem Handy. Beim ersten Griff erwische ich meine etuilose Sonnenbrille. Beim zweiten einen Lippenstift. Beim dritten meinen Schlüsselbund. Wo ist mein Handy? Ich blicke in die dunklen Untiefen meiner Shopping Bag, während ich darin herumwühle. Wo zur Hölle ist mein verdammtes Handy!? Ich seh’s nicht. Ich fummle in die Seitentaschen. Nichts. Niente.

Wie bei einem Kotzbeutel im Flugzeug steckt mein Kopf schon halb in der Tasche. Okay … Ich spüre, wie Panik in mir hochsteigt. Hat mir jemand mein Handy gestohlen? „Ruhig bleiben“, sage ich zu mir selbst. Ich atme tief ein, tief aus, tief ein, tief … „Ich bin verloren!!!“, brüllt es aus mir. Passanten drehen sich zu mir um. „Mein Leben!!!“, brüllt es wieder aus mir. Panisch wühle ich in meiner Handtasche. Ohne Handy bin ich aufgeschmissen. Alle wichtigen Nummer sind da drin. Ich weiß keine einzige auswendig. Keine einzige!!! Die vielen Selfies, die ich stundenlang bearbeitet habe. Dahin. Die schönen Landschaftsbilder, die ich nach dem Aufnehmen nie wieder angeschaut habe. Warum eigentlich nicht!? Jetzt ist es zu spät … Meine Gewichtskurve des letzten halben Jahres. Und sie ging bergab!!!!! ALLES WEG!

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt mich eine ältere Dame besorgt.
„Gehen Sie aus dem Weg!!!“, rufe ich panisch und deute mit meinen Armen, dass ich Platz brauche.
Sie springt aufgeregt zur Seite.
„Was ist hier los???“, fragt mich ein als Mozart verkleideter Mann, „Soll ich die Polizei rufen??“
Ich reiße mir die Handtasche theatralisch von der Schulter, knie mich auf den Asphalt und kippe den Inhalt direkt vor dem Dom auf den Boden. Und da liegt es, neben O.b.s, zerknüllten Rechnungen und der XXL-Kaugummi-Packung – mein Handy. Mein Leben.
„Ah, da ist es ja“, sage ich erleichtert und spüre, wie sich eine warme Ruhe in mir ausbreitet und wie die Anspannung auslässt.
Die ältere Dame, der Mozart-Mann und circa 15 andere Leute blicken mich entgeistert an, während ich meine Sachen wieder in meine Handtasche werfe. „Kaugummi, irgendwer?“

11 Kommentare

  1. Da habe ich ja großes Glück, so etwas kann mir definitiv nicht passieren. Warum? Nicht weil ich in meiner Handtasche Ordnung habe, nein, weil ich ohne Handy lebe.
    Alles Liebe
    Annette

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    1. Wow! Du lebst echt ohne Handy!? Find ich cool. Wenngleich mich der Gedanke daran dezent hysterisch macht. Ich könnte es mir ohne tatsächlich nicht mehr vorstellen. Umso beeindruckender finde ich es!!!

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  2. Ja, das könnte definitiv ich sein ;-). Ich finde nie mein Handy in meiner Tasche … und sonst auch meistens nicht, weil ich es immer irgendwo hinlege. Meine Kinder können ein Lied davon singen … sie hören ständig „weiß jemand wo ich mein Handy habe?“ ;-):

    lg
    Verena von Avaganza

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  3. Ich den meisten Passagen hab ich mich tatsächlich selbst entdeckt 😀

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  4. ich finde freilich mein Handy nie in meiner Tasche, dafür aber beim letzten Handywegnervenzusammenbruch das leere Etui für meine Sonnenbrille, die ich tatsächlich immer am Schlüsselboard neben der Eingangstür liegen habe und alle paar Wochen abstauben muss, weil ich bis jetzt selten Brille trage. Nachdem mir die Augenärztin vor 1 M aber erklärt hat, ich sehe wie ein Falke – zwar wie ein alter, aber immerhin Falke – also gar nicht sooo schlecht und ich aber die mir neue Lichtempfindlichkeit auf meine langsam voranschreitende Altersfehlsichtigkeit zurückführen muss, sollte ich öfter meine Augen vor der Sonne schützen und habe mir somit ein fesches Tascherl für die Sonnenbrille gekauft. Jetzt hab ich im Etui O.b.s und meine Visitenkarten – irgendwie auch eine schlechte Kombi merk‘ ich grad…

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  5. Haha I feel you! Ich bin da genauso, meistens hab ichs irgendwo in der Hosentasche stecken während ich es in meiner Tasche suche.. 😀 Same mit der Brille..

    Alles Liebe aus Helsinki,
    Julia

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