F wie Fitness. Oder Folter.

Nach der Kanne Ungewaschene-Füße-Chlor-Poolwasser bin ich euch noch Situation zwei schuldig, wo ich’s mit der Höflichkeit viiiiielleicht ein klein bisschen übertrieben habe. Also gut …

Situation zwei

Samstag Nachmittag im Fitnessstudio. Wenn mein innerer Schweinehund besonders groß ist, belege ich Kurse. Weil ich dort immer ein Eitzerl mehr mache, als wenn ich allein trainiere. Gruppendynamik und so. Das pusht irgendwie mehr. Und vielleicht liegt’s auch ein kleeeeein wenig an der Sache mit der Höflichkeit … 

Jedenfalls: Die Kurse heißen „A.B.T.“, „Total Body“, „Power Sculpt“, „Harris Barbell Lift“, „Harris Kick“ oder „John Harris HIIT“. Na, jetzt stell dir bitte mal was darunter vor!? Es gibt dann noch kurze Beschreibungen zu den Einheiten. Dort fallen vorwiegend Begriffe wie „Stabilität“, „Ausdauer“, „Fitness“, „Kräftigung“. Alles Dinge, die ich gut brauchen kann. Mittlerweile habe ich ein paar Kurse, die ich echt mag, aber nicht immer hab ich dann, wenn sie stattfinden, auch Zeit. In so einem Fall wähle ich einfach einen, in dem ich noch nicht war und lass mich überraschen. Man muss offen sein für Neues. Zu viel Routine macht auf Dauer träge und schläfert das Hirn ein.

Dieses Mal am Programm: „John Harris HIIT“ um 17.30 Uhr. Ich bin um 17.20 dort. Das mit der Pünktlichkeit hatten wir ja schon. Ich bin allein dort. Auch um 17.25 noch. Um 17.29 stellt sich eine zweite Frau neben mich. Und während ich dabei bin, mir zu überlegen, ob noch jemand kommt, schiebt mich von hinten jemand in den Kursraum. Es ist die Trainerin. Die Trainerin hat Oberarme … Die Oberarme von der Poolwasser-Kellnerin waren gelinde gesagt ein Schaß dagegen. Überhaupt sieht es so aus, als würde ihr Körper ausschließlich aus Muskeln bestehen. Huch!

„Das wird ein sehr intimes Workout heute“, lacht die Trainerin. Noch lache ich mit. Ich find das super. Andere zahlen ein Vermögen für einen Personal Trainer und ich bekomme ihn quasi einfach so. Juhu! Ich bin startklar! Mega!
„Was wir für das Training heute brauchen, ist eine Kettlebell, einen Slam Ball und eine Matte“, erklärt unser Fitness-Coach, „Wir machen in den nächsten 30 Minuten insgesamt vier Übungen.“
„So wenig?“, denke ich mir und grinse ihr motiviert entgegen.

Die vier Übungen

Kettlebell-Swings
Crab Toe Touches
Mountain Climbers
Ball Slams

Vier Durchgänge mit je 15, 20, 20 und 15 Wiederholungen (bei den Crab Toe Touches und den Mountain Climbers zählen links und rechts extra … Ungeschönt gesagt: Hier macht man je 30, 40, 40 und 30 Wiederholungen) Man macht alle vier Übungen ohne Pause hintereinander. Wenn man sie durch hat, darf man zwei Minuten regenerieren. Spoiler: Es waren die zwei kürzesten Minuten meines Lebens.

Passt! Von mir aus kann’s losgehen. Ich klatsche euphorisch in die Hände. Hashtag let’s go. Hashtag fitfam. Hashtag fitlife.

„Wir starten mit einem kleinen Warm-Up“, ruft die Trainerin und dreht die Musik volle Pulle auf. Es folgt viel intensives Herumgehopse. Von kleinem Warm-Up kann man, finde ich, nicht sprechen. Eher von: Vollgas-Aufwärmen.

Ist Crab Toe Touch ein anderes Wort für Folter!??

Ein paar Minuten später starten wir mit den Übungen. Ja und wie soll ich sagen!? … Die Frau vor mir und ich straucheln schon beim ersten Satz „Crab Toe Touches“. Immer wieder pausieren wir. In der Brücke. Absetzen geht nicht. Wenn die Trainerin merkt, dass der Popsch auch nur einen Millimeter durchhängt, ruft sie von der Seite: „Spannung!!!!“ Kurzes Innehalten lässt sie gerade noch durchgehen. Halleluja, das geht rein!!! Hashtag neverquit. Hashtag gohardorgohome.

„Weiter, weiter, weiter!“, ruft die Fitness-Trainerin.
Die Frau vor mir macht weiter. Ich auch. Gepeinigt. Gequält. Als Schatten meiner selbst.
„Nahtloser Übergang zur nächsten Übung! Mountain Climbers. Gemma!!! Yessss!!!!“, ihre Stimme wird immer lauter. War die mal beim Militär?
„Nicht aufgeben! Da geht noch was! Da geht noch viel!“ Ja … Mein Puls nach oben … Hashtag noexcuses. Hashtag keepgoing.

Horror, aber geiler Horror …

Um das Ganze abzukürzen: Die Frau vor mir hat irgendwann W.O. gegeben. Und ich hab weitergemacht. Ich bin über die Grenzen meiner Komfortzone und meiner Kondition hinaus. Meine Muskeln haben gezittert. Meine blau angelaufenen Lippen auch. Eigentlich hat mein ganzer Körper gebebt. Meine Lunge hat gebrannt. Mein Magen wollte sich permanent entleeren. „Ich kann jetzt nicht aufgeben“, hab ich mir währenddessen wiederum innerlich gesagt, „So lieb von ihr, dass sie mit uns zwei die Stunde gemacht hat. Sie hätte sie auch einfach auslassen können. Das muss man zu schätzen wissen. Ich muss ihr zeigen, dass ich das nicht als selbstverständlich erachte. Sie bemüht sich und ich häng her wie ein Sack fauler Kartoffel. Das geht nicht. Das kann ich nicht bringen.“
„Mehr Power!!! Schneller! Schneller! Let’s go! Schneller!!!!“, rief sie zwischen meine Gedanken.
„Schau, wie bemüht sie ist!! Ich will sie nicht enttäuschen. Ich will, dass sie stolz auf mich ist.“ Okay, ich gebe zu, ein bisschen Eitelkeit war da auch dabei. Weil ich nicht unsportlich rüberkommen wollte. Mit hochrotem Kopf und schweißgebadet hab ich bis zum bitteren Ende durchgehalten. (Spätestens beim Blick in den Spiegel hätte mir bewusst sein müssen, dass sich das mit der Eitelkeit in dieser Einheit nicht mehr ausgeht.)

Aber hey, ich habe nicht gekotzt! Darauf bin ich zugegeben ein bisschen stolz. Hashtag youcandoit.

So, und jetzt kommt’s. Ich glaub’s ja selbst nicht, dass ich das hier sage. Ich muss verrückt sein, aber: Ich geh wieder hin. Wenn man’s überlebt, ist so ein Hardcore-Fitness-Workout schon was Geiles. Weil zuerst spürt man nix mehr, dann spürt man alles und wenn sich’s wieder irgendwo in der Mitte einpendelt, überkommt einen ein gutes Gefühl. Man hat sich überwunden, hat mehr gegeben, als man normalerweise macht, an Stellen weitergemacht, an denen man normalerweise längst aufgegeben hätte und man hat’s geschafft. So muss sich eine Mount Everest Besteigung anfühlen. Oder wenn man’s beim Ironman ins Ziel schafft. In klein. In sehr, sehr klein. Ich will mich auf alle Fälle verbessern. Mein Fitness-Ehrgeiz ist gepackt. So gesehen gar nicht so schlecht, dass mich meine Pseudo-Höflichkeit durch die erste Einheit gebracht hat.

Nur wär’s mir ehrlich gesagt nicht gaaaaanz so Unrecht, wenn die Gruppe das nächste Mal größer wäre. Also: Mutige vor! Wer kommt mit? 😉

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