Thujen-Hecke + Putenwürstel = Entschleunigung

Von Kindern kann man unglaublich viel lernen. Im Moment zu leben beispielsweise. Da gibt’s kein Gestern oder Morgen, sondern es zählt immer nur das, was jetzt ist. Sie zeigen uns, dass eine gewisse Unbefangenheit unglaublich gut tut. Wer nicht so viel drauf gibt, was andere über ihn denken könnten, lebt freier und hat mehr Spaß. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Lachen. Kinder tun’s circa 400 Mal am Tag. Wir Erwachsene magere 15 bis 20 Mal …
Unlängst habe ich von ihnen noch etwas fürs Leben gelernt. Und zwar, wie Entschleunigung wirklich funktioniert! Mit einem sehr … sagen wir … kreativen Zugang.

Mittwoch Nachmittag, in einem niederösterreichischen Freibad.

Ich war mit den zwei Töchtern einer Freundin, drei und sechs, schwimmen … (Weiter weg von Entschleunigung kann man an dieser Stelle eigentlich nicht sein …)

„Kathi, spielen wir ,Urlaub‘ fahren?“, fragt mich die Jüngere der beiden.
„Sicher“, sage ich und ahne nicht, dass ich zwei Minuten später im Bikini zwei imaginäre und extrem schwere Koffer durch die ganze Badanlage schleppen werde.
„Wir verreisen seeeeehr lange“, argumentiert sie, als ich sie frage, ob wir nicht zumindest auf einen der beiden Koffer verzichten oder leichteres Gepäck mitnehmen können.
„Das Hotel ist seeeeeeehr weit weg“, argumentiert sie, als ich sie frage, ob denn nicht ein kleine Runde um den Kinderpool reicht.

Kaum sind wir in unserem Fantasie-Hotel angekommen, beauftragt mich die Ältere der beiden mit einer Rutsch-Partie. Immer begleitet von schrillen Jubelschreien direkt in mein Ohr. Gefühlt 729 Mal sause ich mit den beiden die Bahn hinunter. Okay … Ich hab übertrieben. Tatsächlich war es nicht so oft. Vielleicht 719 Mal.

„Es reicht mir!“, verkündet die Jüngere plötzlich und schlägt mit ihren Schwimmflügel-Ärmchen ins Wasser, „Ich will hier raus!! JETZT!“
Ich drücke ihren Mini-Popsch den Beckenrand hoch und sie watschelt waschelnass zu unserem Liegeplatz. Die Ältere und ich hinterher.

„So“, sagt sie entschlossen, während ihre Schwimmflügel-Ärmchen von ihr abstehen wie die eines Bodybuilders, „Ich will die nächsten Minuten nichts von euch sehen und hören.“
„Aha“, sage ich und weiß nicht so recht, was ich mit der Info anfangen soll.
„Kathi, bitte gib mir eine Knabber Nossi.“
Ich fische aus der Kühltasche ein langes, dünnes Würstchen.
„Danke! Und wehe, ihr folgt mir!! Dann gibt’s Ärger! Aber großen!!“

Okay, und jetzt?

Das Kind ist gerade mal drei Jahre auf dieser Welt, die ziemlich kalt und brutal und gemein und gefährlich sein kann. Drei zarte Jahre … Das ist eine verdammt kurze Zeit, um schon wissen zu können, wie man überlebt, da draußen in der Freibad-Wildnis. Ich kann das Kind nicht allein lassen. Ich mein, das Kind kann ohne Hilfe nicht einmal ein Schnitzel schneiden … Sicher nicht! Auf einen Hysterie-Anfall hab ich jetzt aber halt auch keine große Lust.
„Wo gehst du hin?“, frage ich vorsichtig.
„Weg!“, antwortet die Kleine und wirft mir einen eindringlichen Blick zu.
„Aha“, sage ich verwirrt. Ähm, wie kann ich die Situation bitte ohne die Aufmerksamkeit des ganzen Schwimmbades auf mich zu ziehen!? Und vor allem: Ohne die Polizei dabei zu involvieren!???

Das Kind dreht sich um …

… und marschiert los. Ich beobachte das Geschehen angespannt, immer bereit, loszuhechten und es vor dem Schlimmsten zu bewahren. Etwa drei Meter von unseren Badetüchern stoppt es – vor einer großen Thujen-Hecke. Es dreht sich wieder um, Blick in unsere Richtung und schiebt seinen kleinen Körper zwischen die Sträuche. Als nur noch ein bisschen Wasserbauch und etwa drei Strähnen blondes Haar hervorlugen, bleibt es stehen. Zuerst isst es das Würstchen, dann tut es nichts. Es steht einfach nur da.

Ich spiele mit der Großen derweil ein Kartenspiel und schiele alle drei Sekunden zu den Büschen rüber. Das Kind steht da. Es steht regungslos da. Zehn Minuten lang. Dann kommt es wieder zu uns an den Platz.

„Danke, dass ihr mich allein gelassen habt“, sagt die Kleine schließlich, „Ich hab das bisschen Ruhe echt gebraucht.“
„Aha“, sage ich, bin noch immer ein bisschen verwirrt und gleichzeitig sehr fasziniert, wie einfach das mit der Entschleunigung doch geht. Scheiß auf irgendwelche großartigen Coachings oder Tipps à la „Mit Vollgas zur Entschleunigung!“. Es braucht einfach nur eine Hecke stinkender Thujen und ein geräuchertes Putenwürstel.

Wie Entschleundigung noch funktioniert:

Puzzle bauen.
Hab ich als Kind geliebt und jetzt wieder für mich entdeckt. Es gibt nix Besseres, als sich auf die tausenden Teile vor einem zu konzentrieren. Da vergehen oft Stunden, wo ich nicht mal dran denke, mein Handy zu checken. Herrlich ist das!

Bügeln.
Da dreh ich mir Musik auf oder Netflix und dampfe gedankenverloren vor mich hin. Wenn der Stress ganz groß ist, walze ich sogar über Unterhosen und Geschirrtücher drüber. Tut mir tatsächlich sehr gut.

Dann eben die Klassiker wie: An einem Fluss, Bach, See oder am Meer sitzen und aufs Wasser schauen (Alternative: vor der Waschmaschine auf dem Fliesenboden hocken und ihr beim Schleudergang zusehen), ausmisten, spazieren gehen, Pflanzen umtopfen, tanzen, gut essen gehen, … Von mir aus kann man auch monoton in der Nase bohren oder die Achselhaare des Partners zählen, wenn’s einen runterholt. Das Wichtigste aber: Dabei immer, immer, immer das Handy weglegen! Von mir aus vorher oder nachher ein Selfie machen, weil ohne Beweis ist es nie passiert, aber dann konsequent nicht drauf schauen!

Wo wir ja wieder bei der Sache mit den Tipps wären. Ach, ich hol mir jetzt eine Knabber Nossi … So schaut’s aus!

6 Kommentare

  1. Eine wundervolle Begebenheit an der Du uns teilhaben lässt, danke. Es ist erstaunlich wie genau kleine Kinder, wenn sie in einem geborgenen Umfeld aufwachsen ihre Bedürfnisse kennen.
    Alles Liebe
    Annette

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  2. Tja, mit Kindern wird es einem nie langweilig. Kenne ich zu gut. Komischerweise muss ich ständig mitspielen und sie unterhalten obwohl es tausende Spielsachen gibt. Lieblingsspiel der Kinder ist Vater, Mutter, Kind wobei es den Vater nie gibt sondern immer Mutter und grosse Schwester. Ich bin immer das Baby 😂😂

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  3. Trotz allem musste ich bei der Geschichte gerade doch ein wenig lachen ^^ Und ja es ist echt faszinierend, wie leicht Entschleunigung doch eigentlich geht. Manchmal muss man sich halt doch die Kinder als Vorbild nehmen 🙂

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  4. Oooooh, das ist so eine süße Geschichte! Klar, ich wäre genauso nervös geworden und hätte ein Auge drauf gehabt! Ab in die Thujen-Hecke… hat halt jeder so seine eigene Vorstellung vom ruhigen Bereich. Cool, wie sie es ausgedrückt und selbst festgestellt hat, dass sie diesen Moment gebraucht hat! Bin echt beeindruckt! Und finde es total süüüüß!

    Lieben Gruß, Bea.

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  5. Eine tolle Geschichte, die du echt gut beschrieben hast. Du hast wirklich einen professionellen Schreibstil. Sicher gibt es irgendwo einen Roman von dir zu kaufen oder?

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