Eine Diät ist asozial

„Entspannen“, haucht die Yogatrainerin in den Fitnessraum. Ja eh … Ich versuch’s ja, aber es ist gar nicht so einfach, wenn man auf seinen eigenen Fußsohlen sitzt, sich gleichzeitig nach vorstreckt und die Knie unangenehm ins Zwerchfell bohren. Habe ich beim Rausgehen aus der Wohnung jetzt eigentlich die Waschmaschine eingeschaltet? Hoffentlich, weil dann könnte ich noch eine Ladung machen, wenn ich nach Hause komme … Ach, ich muss beim Heimgehen unbedingt noch in den Drogerie-Markt. Mir sind die Rasierklingen ausgegangen. Toilettenpapier brauche ich auch! Das darf ich ja nicht vergessen. Wieso ist hier Handy-Verbot?? Hätte ich’s dabei, könnte ich mir eine Erinnerung schreiben. Aber so muss ich’s mir merken. Rasierklinge! Rasierklinge! Rasierkli … 

„Wie kommen in den Vierfüßerstand.“
Okay, okay, Moment, ich bin schon wieder da! Einatmen, Buckel machen, ausatmen, Hohlkreuz machen, die Gedanken ziehen lassen. Gedanken ziehen lassen! Kathi, lass deine Gedanken los! Jetzt! Komm schon! Das kann ja nicht so schwer sein! Fliegt davon, liebe Gedanken. Macht’s gut! Tschüss! Tschüüüüühüüüüss, habe ich gesagt. Wann war ich eigenlitch zuletzt bei der Maniküre? Zeit wird’s. Ich muss mir einen Termin ausmachen. Ich speichere mir das gleich … Verdammt! Das Handy ist ja im Spind … Hilft nichts! Das nächste Mal muss ich mein Telefon mit reinschmuggeln.

„Einatmen, zieh dich hoch“, haucht sie und schlängelt ihren Körper anmutig von links nach rechts, „Ausatmen, beug dich zur Seite, steh auf, komm ins V“.

Ich biege mich nach rechts, zieh mich hoch und streck mich durch. Mein inneres Ich fühlt sich dabei außerordentlich grazil und sportlich. Ich schiele in den Spiegel. Na gut, meine Bewegungen ähneln dann doch eher denen eines unbeholfenen Babyelefanten, der gerade das Gleichgewicht verloren hat. Seit ich vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört habe, habe ich echt viel zugelegt. Und ich bin echt nicht beweglich. Dabei hab ich zahn Jahre Ballett gemacht. Damals, mit fünf … Wieso ist das nicht wie beim Eislaufen? Dass man das mit der Beweglichkeit nicht verlernt. Und das mit dem Schlank sein … Autsch! Ich glaub, ich habe mir gerade meine Hüfte abgerissen … Zumindest fühlt es sich so an.

Zack, zehn Kilo schwerer!

Das Schlimmste daran: Es ist unbemerkt passiert. Das mit dem Zunehmen, meine ich. Man isst mehr und sagt sich: „Hey, ich darf das, immerhin qualme ich nicht mehr. Das ist eine beachtliche Leistung. Darauf kannst du stolz sein. Du hast dir auch diesen dritten Eisbecher mehr als verdient. Gönn ihn dir. Genieß ihn. Oh, du hast Lust auf eine Zigarette? Beiß lieber von dieser Hohlhippe. Oh, die Packung ist schon leer? Macht nichts, mach eine neue auf! Braves, rauchfreies Ding, du!“

Nach ein paar Wochen hat man ein, zwei Kilo zulegt. Man löffelt Nutella aus dem Glas und denkt sich: „Lieber ein paar Gramm mehr auf den Hüften, dafür aber ein echt gesunder Lifestyle.“

Und irgendwann passen die Klamotten nicht mehr. Tja und was soll ich sagen: An dem Punkt wäre ich jetzt dann angelangt…

Zumindest einige meiner Lieblingskleider bekomm ich nicht mehr zu (also zwei mal fix nicht, den Rest hab ich mich erst gar nicht getraut, anzuprobieren). Heißt also: Weniger essen, mehr Sport. Deshalb habe ich vor der Yoga-Stunde auch gleich noch einen Langhantel-Kurs besucht. Das war eine ziemlich blöde Idee. Mir tut alles weh. Und wie wird das erst morgen nach dem Kurs sein!?

Der nächste Tag.

Okay, jetzt weiß ich, wie es ist – furchtbar. Ich hab das Gefühl, mir schmerzen sogar meine Haare. Überall in meinem Körper brennt und zieht und sticht es. Am meisten fürchte ich die Toilettengänge. Ich lasse mich mit heruntergezogener Hose in Zeitlupe runter und ab einem gewissen Winkel kann ich mich nicht mehr halten und mein Hintern knallt auf die Klobrille. Ich schaffe es auch kaum, beim Essen das Besteck zu heben. Vorhin gab’s zu Mittag Nudeln. Es war die reinste Qual, mir die Pasta in den Mund zu schieben. Eigentlich aber fast praktisch, weil vor lauter Muskelkater habe ich auf die letzten fünf Bissen verzichtet und um den Dreh 47 Kalorien gespart.

Anfangs ist es immer so eine unglaubliche Überwindung, besser zu essen und weniger zu naschen. Und man hat alle zwei Stunden das Gefühl, verhungern zu müssen. Was natürlich ein absoluter Blödsinn ist. Das weiß man auch und trotzdem schreit in einem etwas: „Bestell dir sofort einen Burger, sonst war’s das mit dir!“

Wenn man erst eimal ein paar Tage durchgehalten hat, geht’s. Der Körper hat gemerkt, dass er nicht stirbt, wenn er mal ohne Kohlehydrate ins Bett muss oder man das Abendessen ganz auslässt. Und man selbst ist stolz, weil man ja doch so etwas wie Durchhaltevermögen und Disziplin besetzt.

Dann kommt aber eine Sache dazu, mit der ich echt Probleme habe: Mit dem Sozialfaktor einer Diät. Der liegt nämlich bei minus zehn.

Die Kollegin mit der Torte

Folgendes Szenario: Eine Kollegin bringt eine riesige selbstgemachte Torte mit. Eine Schokoladentorte mit Schokoladen-Nougat-Pistazien-Sahne-Füllung und dreifacher Schokoladenglasur. Wenn du einfach so und ohne Begründung ablehnst, kriegst du erstens nie wieder was angeboten, weil die Kollegin beleidigt ist, weil du ihre Torte verschmäht hast. Zweitens brauchst du diese eine Kollegin dann auch nicht zu fragen, ob sie am Freitag für einen bei einem wichtigen Termin einspringt, weil du dir beim Friseur die Haare machen lassen möchtest.

So, jetzt sagst du stattdessen die Wahrheit: „Liebe XY, soooo lieb von dir, dass du mir ein Stück anbietest, das vermutlich 15.987 Kalorien hat. Und es schaut auch extrem gut (und nach einer Kleidergröße mehr) aus. Ich darf nur nicht, weil ich bin gerade auf Diät … Aber du, du lass es dir bitte unbedingt schmecken “

Dann kommt zu 99 Prozent folgende Antwort: „Ach komm, du bist doch eh so schlank! Du hast eine Diät doch gar nicht notwendig! Ich bitte dich!“
Du konterst: „Danke, aber zwei, drei Kilos möchte ich noch loswerden.“
Sie: „Ein kleines Stück. Ein winzig kleines Stück. Das merkst du doch gar nicht! Schau, ich schneide dir echt wenig runter.“
Echt wenig ist in dem Fall ein Viertel der Torte … 
Du bleibst hart: „Danke, sehr lieb, aber nein, echt nicht.“
Spätestens dann erntet man einen abfälligen Blick, sodass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man auf seine Linie schauen möchte.

Nimmt man das Stück und scheitert mit seiner Diät, freut sich die Kollegin und man selbst kann sie deshalb ab sofort nicht mehr leiden, weil das auch keine schöne Art ist, sich am Misserfolg anderer zu ergötzen. Lose-Lose-Situation.

Die Freundin mit dem gebrochenen Herzen

Nächste Situation: Deine beste Freundin leidet gerade an heftigem Liebeskummer.
Sie: „Bitte steh mir in der schwersten und dunkelsten Stunde meines Lebens bei.“
Du: „Mach ich! Du weißt, du kannst dich immer auf mich verlassen. Ich bin immer für dich da.“
Sie: „Danke! Wir betrinken uns! Zwei Gin Tonic, bitte.“
Ein Glas Gin Tonic hat 110 Kalorien. Mal drei sind 330. Und da fängt der Abend erst an … 
Du: „Hey, sorry, ich leg gerade eine Alkohol-Pause ein. Ich nehm’ ein Wasser.“
Sie: „Ich dachte, wir wären Freunde …“

Fazit: Eine Diät tut nichts für das gesellschaftliche Miteinander!

Die Lösung, die ich für mich gefunden hab, ist aber ziemlich einfach: Ich esse das Stück Torte und spüle das Gin Tonic hinten nach. Nur mach ich’s nicht zu oft. Und wenn, dann verzichte ich dafür bei meinen anderen Mahlzeiten auf zu viel Zucker und Fett – oder lass mal ein ganzes Abendessen aus. Ich gehe zwei Mal öfter als sonst in den herabschauenden Hund, ich bepacke die Langhantel mit mehr Gewicht oder lege eine Extra-Runde am Ergometer ein. So fällt das Durchhalten auch leichter und es ist nachhaltiger als jede Crash-Diät. Und hey, es haut hin: Ich bin schon 450 Gramm leichter! Das ist so viel wie der Inhalt von einem Glas Nutella. Mhm, Nutella!

31 Kommentare

  1. Seeeehr coole Sache Liebe Kathi… freu mich mehr von dir zu lesen…
    dass motiviert mich ah glei wieder mehr… gfoit ma… könnte Stunden lang deine Zeilen lesen… 😂😉😊🙋🏻…
    lg aus deiner Heimat… 🤗

    Antworten

  2. Ich finde am fiesesten dass Alkohol so viele Kalorien hat… so kann man den Hunger nicht mal ertränken

    Antworten

  3. oh! super! musste oft schmunzeln. welche frau kennt das nicht! ich nehme zu ganz ohne vorher geraucht zu haben 😂… ja, und schwanger war ich auch nie 😉.
    freu mich auf mehr! 😊👍

    Antworten

  4. Voi sips! Gfrei mi auf mehr…
    Musste den Titel laut lesen um ihn zu begreifen – echt genial 🤣🤣🤣

    Antworten

  5. hahah – grossartig 🙂 Die Yoga-Geschichte kenne ich sehr gut :))) Geht mir auch so…

    Antworten

    1. Ich glaub, das mit dem Yoga und mir wird nichts mehr. Zumindest nicht in diesem Leben! Und trotzdem geh ich hin haha

      Antworten

  6. bravo! herrlich erfrischend und sowas von ehrlich 😂 weiter so, freu mich schon auf die nächsten zeilen von dir !

    Antworten

  7. Super‼️👍🏻‼️
    Congrats und weiter so 🎈 Freu mich schon auf deinen nächsten Beitrag yeah yeah yeah 👍🏻

    Antworten

  8. Ein richtig toller Beitrag und frei mich auf mehr.
    Ich kann mich sehr gut in dich hinein fühlen. Ich Kämpfe im Moment auch. 🙂

    LG Steffi

    Antworten

  9. Diäten sind nicht gut für Freundschaften! Das ist mal ein Wort! Dazu kommt, dass man auch immer die Esseneinladungen ausschlagen müsste und dann wird man nie wieder eingeladen! Oder man geht hin und stochert dann pausenlos im Essen herum, kommt auch nicht gut! 🙂 Sehr nett geschrieben! Gerne mehr! Suche gleich mal nach Folgemöglichkeiten! Grüße Verena

    Antworten

  10. Ich habe bisher noch von keiner Bloggerin den Blog gelesen, da es dort immer um den selben Beauty / Fitness / Luxusgüter- Müll ging ABER dein Blog ist der absolute Mega Knaller. Ich kenne dich nicht, aber du bist mir einfach Ultra sympathisch. Bitte bitte mehr davon!!

    Antworten

  11. Man muss es so sehen: Bier hat noch mehr Kalorien als Wein – also einfach Wein trinken! Am Besten gespritzt, dann ist er fast so gesund wie ein Schluckerl Mineral!

    Alles Liebe und viel Spaß noch beim Bloggen und Abnehmen – ich sollte eh auch aber dann kommt morgen eine Freundin zum vier Gänge Menü und übermorgen bin ich auch nicht daheim und überübermorgen hab ich auch keine Zeit. So schaut’s nämlich aus, wollen tu ich eh, aber ein Aperol Spritzer und ein Tratsch mit der Freundin ist dann doch wieder wichtiger.

    Antworten

  12. Nett geschrieben. (-; Aber ich persönlich habe keine Schwierigkeiten damit, etwas in Gesellschaft abzulehnen, was ich nicht essen möchte. Weil die Leute mich irgendwann kennen und mich einfach ganz so, wie wie ich bin, und was ich will akzeptieren. Im Ausnahmefall nutze ich aber auch deine Lösung: solange ich zu Hause so esse und lebe, wie es mir gut tut, ist das auch kein Problem, wenn ich es bei der Freundin mal anders mache. (-; Und Diäten sind sowieso blöd… ich bevorzuge einen gesunden Lifestyle der sich für die Dauer eignet. Liebe Grüße!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.