Wie Corona mein Dating-Leben ruiniert

Ich sitze daheim vor meinem Laptop und … Blöder Einstieg eigentlich, weil wo soll ich sonst sein? Ich nehme den Appell der Bundesregierung nämlich ernst und bin nicht eine von denjenigen, die gestern ein Foto im Partyoutfit auf Instagram gepostet haben mit den Worten: „Einmal noch feiern, bevor sie alles zusperren.“ Ich habe zumindest ein bisschen Hirn …

Und ja, Corona betrifft uns alle. Corona schränkt uns alle ein, aber ganz ehrlich: Die meisten von uns hat’s gut erwischt und die hocken jetzt mit einem Lebensvorrat an Nudeln, Klopapier und Red Bull daheim auf der Couch, machen Netflix-Bingewatching und beschweren sich darüber, dass sie daheim bleiben müssen. Das sind im Übrigen die, die sich sonst wiederum aufregen, dass sie keine Zeit dafür finden, einmal nichts zu machen … Schräge Welt.
Ich rede jetzt von jenen, die nicht existentiell von der Virus-Krise betroffen sind. Das ist natürlich ganz was anderes. Das ist schlimm, das ist furchtbar und alles andere als lustig. An die sollten wir denken und an all die Obdachlosen da draußen, wenn’s uns danach ist, zu sudern, weil irgendein bestimmter Urlaub wegen Corona jetzt ausfällt.

Mich hat Corona schon am Dienstagabend ziemlich getroffen. Auf eine sehr eigene Art und Weise. Da war die Stimmung bereits angespannt, erste Maßnahmen traten in Kraft. Zum Beispiel hat man da schon die Uni geschlossen. Ich studiere nicht mehr, aber ich war auf einem Date. Mit jemandem, der in unmittelbarer Nähe der Universität ein Lokal besitzt. Und in das hat er mich eingeladen … 

Dienstag, 20 Uhr 10, das Restaurant in Uni-Nähe.

Eine Kellnerin stellt sich namentlich bei mir vor und ich bin beeindruckt von dem einmaligen Service hier. Dann erfahre ich, dass meinem Date der Laden hier gehört. Ich bin trotzdem noch immer beeindruckt von ihrer Freundlichkeit. Ich bestelle Soda-Zitron. Erstens weil ich mir vorgenommen habe, in nächster Zeit wieder vermehrt auf Alkohol zu verzichten und zweitens, weil er mir gesagt hat, dass er generell keinen Alkohol trinkt. Er ist ein ganz adretter Kerl: Mittelgroß, dunkelhaarig, maskuline, aber freundliche Gesichtszüge. Nase, Mund, Augen – alles da und größentechnisch gut aufeinander abgestimmt. Passt, kann man sich näher anschauen und muss man sich nicht gleich mit einem G’Spritzten verspielen.
„Meinem Vater und mir gehört das Lokal hier“, sagt er, während wir auf unsere Getränke warten.
„Hast du gesagt.“
„Und noch ein paar andere in Wien.“
„Welche denn?“
„Eins dort“, er deutet in eine undefinierbare Richtung, „ein anderes woanders.“ Dann schaut er mich an und legt seinen Kopf dabei schief. Sehr schief. Er gluckst und macht mich mit dieser Handlung etwas verlegen.
„Hm?“
„Nichts. Ich war heute …“
Ich warte darauf, dass er den Satz zu Ende führt.

„Meinem Vater und mir gehört dieses Lokal hier“, sagt er, während unsere Getränke kommen.
„Hast du gesagt.“
„Und noch ein paar andere in Wien.“
„Liest du gerne?“
„Ja, ich fliege oft nach Dubai. Dort lebt …“
Ich warte darauf, dass er den Satz zu Ende führt. Er wiederum sieht mich an, als warte er darauf, dass ich das für ihn mache.

„Wer lebt in Dubai?“
„Ein Freund von mir, wieso?“
„Nur so … Alles okay mit dir?“
„Es ist nur … Ich hab das Date verkackt.“
„Was?“
„Ein Freund von mir lebt in Dubai.“
Kurzes Schweigen, das mir irgendwie ziemlich lange vorkommt.
„Wie war dein Tag?“, versuche ich es noch einmal.
„Ich war vorhin in einem anderen Lokal. Der Service war …“
Was ich jetzt schon sagen kann: Es ist nicht gerade seine Stärke, Sätze zu Ende zu bringen … Sinnergreifend zuhören wohl eher auch nicht. Schmäh beiseite: Ich glaube, er ist geistig leider ein bisschen eingeschränkt. Das tut mir leid für ihn.

Wie komme ich aus der Nummer wieder raus!?

„Was hast du dort getrunken?“, frage ich.
„Drei Tequila auf Ex.“
Lustig ist er aber. Ich lache, er nicht.
„Ach, scheiß drauf! Bring mir einen G’Spritzten!“, ruft er der Kellnerin am Tresen zu.
„Ich dachte, du trinkst nicht.“
„Hab ich das gesagt? Ich meinte, ich nehme keine Drogen.“
„Oh. Gut zu wissen. Ich auch nicht.“
„Du bist schön.“
„Danke.“ Ich spüre die mitleidigen Blicke der Kellnerin, die seitlich von mir hinter der Theke steht und versuche herauszufinden, was das hier soll. Er starrt mich währenddessen mit einem breiten Grinsen an, ehe er nach meiner Hand greift. Ich ziehe sie weg.
„Sorry, muss kurz meine Mails checken“, sage ich fadenscheinig und schreibe eine Freundin: „Mein Date ist leider eingeschränkt!“
„Wegen Corona?“
„Ja.“
Dann brabbelt er etwas unverständliches daher und glotze weiter in mein Smartphone.
Was?“, antwortet meine Freundin.
„Er ist geistig gehandicapt …“
„WTF!?“
„Erkläre ich dir später. Was mach ich jetzt?“ 
„Gehen?“
„Wie?“
„Auf beiden Beinen zur Tür hinaus …“
„Hab mich gern!!!!“


Ich bin gleich weit wie vorher. Ich kann ihn doch nicht vor versammelter Belegschaft bloßstellen?! Das will ich nicht. Er ist ja ein lieber Mensch, nur halt … halt … speziell!
„Du bist so schön, dass es mir die Sprache verschlägt und ich ganz nervös bin.“ Na toll, jetzt kann ich ihn erst Recht nicht einfach so hier sitzen lassen. Ich lächle gequält und mein Hirn rattert auf Hochtouren. Regelschmerzen, Migräne, Durchfall-Attacke – wäre ich nur nicht so verdammt schlecht im Lügen. Kauft er mir nie ab, dann kann ich gleich sagen, dass es mich nicht freut. Gleichzeitig ärgere ich mich über mich selbst: Wieso mutiere ich ständig zur Dating-Caritas? Ich bringe für jeden so lange Verständnis auf, bis die schrägsten Vögel dann mir einen Korb geben. Nicht, dass ich ihn als solchen empfinde, er ist ja wirklich süß und dass er ein bisschen langsamer ist, macht mir tatsächlich nichts aus, aber für ein Leben zu zweit reicht’s dann halt leider doch nicht … 

Ah, ich hab’s!

„Rauchst du?“, frage ich.
Er nickt. Jackpot!
„Dann lass uns doch rausgehen, eine rauchen.“ Mein perfider Plan: Sobald wir draußen sind, sage ich ihm, dass ich gehe. Und die Kellnerin wird nicht Zeugin davon, wie ich ihm sein kleines, verwundbares Herz breche.

Während er sich die Zigarette anzündet, brabbelt er wieder irgendwas daher, das ich nicht verstehe. Einzig die Wörter „Birne“, „weggeballert“ und „Corona“ kann ich irgendwie heraushören.
„Wie bitte?“
„Ich habe mir heute seit zehn Uhr Vormittag die Birne weggeballert. Ich hab mich so richtig aus dem Leben geschossen. Es ist wegen Corona. Weil ich nicht weiß, was aus unseren ganzen Betrieben wird.“
„Gott sei Dank“, sage ich erleichtert und bin es tatsächlich. Der Typ ist einfach nur blunzenfett. Irritierter Blick seinerseits.
„Ich dachte schon, du bist geistig vielleicht irgendwie ein bisschen eingeschränkt.“ Er legt seinen Kopf schief und fischt in der Luft mit seiner Hand vermutlich nach meiner. Ich winke ab. „Du, ich werd dann fahren“, sage ich und winke ein Taxi her.
„War ein Scheißdate, oder?“
„Ehrlich? Es war das beschissenste Date, das ich je hatte.“
„Tut mir leid“, sagt er und bläst mir Zigarettenrauch ins Gesicht.
„Alles gut, kann ja passieren.“
„Wirklich?“
„Glaub ja.“
„Heißt das, wir sehen uns wieder?“
„Nein, heißt es nicht“ Ich steige ins Taxi. Mein Hintern ist noch in der Luft, als er sich umdreht und laut ruft: „LOKALRUNDE!!!!!“.

P.S. …

So und jetzt gehen wir uns alle mal brav die Hände waschen. Mir Seife! Das ist übrigens eines der Dinge, die mir in der ganzen Causa „Corona“ partout nicht eingeht: Dass so viele erwachsene Schweine erst jetzt lernen, dass man sich vor dem Essen und nach dem Klogehen, Einkaufen, Öffifahren und auch einfach so ohne konkreten Ekel-Anlass zwischendurch die Hände wäscht. Was ich auch nicht glauben kann: Dass da draußen irgendein Lebewesen, das älter ist als drei Jahre, eine Anleitung braucht, wie’s wirklich geht. Ich bin bislang davon ausgegangen, dass uns das vor gefühlt 100 Jahren bereits unsere Eltern und Großeltern beigebracht haben. Aber gut, ich gehe von vielem aus, das sich oft als falsch herausstellt: Dass es selbstverständlich ist, dass man respektvoll miteinander umgeht zum Beispiel. Oder dass man nicht in der Nase bohrt und mit demselben Finger dann den Liftknopf drückt … Aber gut, so lernen wir alle dazu.

Ein Kommentar

  1. Das mit dem Po bestätige ich! Uuppps darf man das Schreiben…
    Themenwechsel!!! Schade wegen buchpräsentation hätte dich gerne kennengelernt
    Übrigens Story hat mir gefallen, wenn autodidaktisch! Ich trinke wirklich seit 5 Jahren keinen Alkohol mehr Glg Gerfried

    Antworten

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