„Sie müssen mir kurz zur Hand gehen …“

Wenn man allein lebt und eine so unglaubliche Angst vor Insekten hat wie ich, muss man zum Teil echt kreativ werden, um Viecher loszuwerden, die sie sich bei einem eingenistet haben. Kreativ in der Beschaffung der Leute, die sie für einen entfernen können. Weil nicht immer ist der furchtlose Nachbar eine Tür weiter sofort zur Stelle. Und die 90-jährige Dame aus dem unteren Stock kann man schwer die zwei Meter hohe Leiter hochjagen. Der Mann im Haus gegenüber hat selten was an und Tinder hab ich diesbezüglich auch schon durch …

Tja und als ich letzten Freitag zwei dieser elendigen Baumwanzen in meinem Schlafzimmer sitzen hatte, war’s soweit! Ich musste mir einen Helden checken. Und zwar schnell, weil es war schon 20.00 Uhr als ich die Tierchen entdeckt habe und um spätestens 22 Uhr wollte ich im Bett sein. Nehme ich mir meistens vor und scheitere genauso oft an dem Vorhaben, weil ich mal bei Netflix oder einem guten Buch hängen bleibe. In letzter Zeit wieder mehr Netflix als Buch. Momentan fahr ich total auf „Jailbirds“ ab. Eine Netflix-Produktion über Knastschwestern. Ganz lustig. Die lernen ihre Beziehungen übers Klo lernen. Die rufen was in die Schüssel rein und irgendwer ruft zurück und wegen der Einsamkeit und so verlieben sie sich dann in die Stimme und schicken einander Briefchen – auch über die Toilette. Wie genau das funktioniert, müsst ihr euch bitte selbst anschauen …

Ich gehe mein Handy durch: Papa? Kommt nicht in Frage. Er braucht mindestens eineinhalb Stunden von Fürstenfeld nach Wien. Da haben sich die zwei Wanzen schon ums Zehnfache vermehrt. Ein Ex wohnt ums Eck. Aber der hat selbst so gewaltige Angst vor Insekten – keine Chance. Meine Freundin, die nur zwei Straßen weiter lebt, ist auf Urlaub. Eine andere fragt, ob ich sie verarsche. Das halbe Telefonbuch später hab ich endlich die Idee!

Eiernockerl mit grünem Salat – in den Warenkorb legen.
Erdbeerknödel – in den Warenkorb legen.
Warenkorb öffnen.
Zur Kassa.
So, in 45 Minuten sollte mein Essen da sein.

Ich verharre die Dreiviertelstunde angespannt im Wohnzimmer. Ich weiß, dass meine Angst vor Insekten absolut unbegründet ist. Trotzdem ist sie da und macht mich in dem Moment, wo ein Käfer oder ähnliches meine Wohnung okkupiert, verrückt. Dabei weiß ich gar nicht, wovor ich mich fürchte. „Die tun einem nix“ – hab ich gefühlt schon 387.678 Mal gehört. Eh nicht. Trotzdem. „Die haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen“ – auch schon 387.678 Mal gehört. Nur hier widerspreche ich vehement! Weil ich bin bei so einer Insekten-Besetzung immer kurz vor einer gewaltigen Panikattacke.

Es klingelt. Endlich! Der Lieferservice ist da!

„Einmal Eiernockerl und einmal Erdbeerknödel. Macht 13,40.“
„Würden Sie mir einen Gefallen tun, wenn wir 20 draus machen?“
Okay, ja, hört sich laut ausgesprochen vielleicht ein bisschen eigenartig an, mein Anliegen …
„Wie bitte!?“, der Mann vom Lieferservice reißt entgeistert die Augen auf.
„Nein, nein, nein. Nix schlimmes. Sie müssen mir nur kurz zur Hand gehen in meinem Schlafzimmer.“ Okay, schon wieder … Aber wenn ich halt so angespannt bin wegen der Viecher, wie soll ich mich da noch auf meine Wortwahl konzentrieren!?

„Ich weiß nicht …“, sagt er und schluckt nervös. Also, wenn er glaubt, dass ich meine, dass ich will, dass er … – und er nicht gleich ablehnt … Ich muss schon sehr bitten!
„Ich trau mich diese Dinger einfach nicht anzugreifen. Ich hab echt Schiss davor.“
Der Mann schluckt wieder und sagt nichts mehr. Sein Blick wandert unter mein Gesicht.
„Heiliger Bimbam, ich rede von den verdammten Baumwanzen!! Bitte tun Sie die weg für mich!!!“
„Ach, sagen Sie das gleich …“ Die Erleichterung in seiner Stimme und das laute Aufatmen nehme ich irgendwie persönlich.

Und dann greift er nach ihnen und legt sie vorsichtig in seine Hände. Die Baumwanzen, hey!! DIE BAUMWANZEN! Ihr seid aber auch sowas von verdorben, wow …

„Jailbirds“: 5. Folge. 
„Die tun einem ja nix“: 387.679 Mal.

Aja, hier geht’s zum „Toilet Talk“ …

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