„Des Zuckerl steht für mei Leben“

Wenn man mit wem Schluss macht, ist das unangenehm. Wenn man von jemandem abgeschossen wird, ist das mindestens genauso zach. Was ich bislang nicht am Schirm hatte: Wenn man als Außenstehender bei einer Trennung dabei ist, ist das der absolute Horror! Unlängst passiert in der U3 Richtung Ottakring.

Ich sitze einem Paar gegenüber. Er ist mittelgroß mit Wurstblatt am Kopf und einem Grillhendlfriedhof unter der Brust, trägt einen ausgewaschenen Jogginganzug, ein Goldketterl und Haare auf der Brust. Sie trägt ein zu enges Kleid, dazu Laufschuhe, der linke Schneidezahn fehlt ihr. Er spielt „Candy Crush“ am Handy. Sie hat ihren Kopf auf seiner Schulter abgelegt und beobachtet ihn dabei, wie er drei gleichfarbige Zuckerl in eine Reihe bringt.

„Nimm die da“, sagt sie und fummelt auf dem Display herum.
„Loss mi!“, schnaubt er und zieht das Handy weg von ihr.
„Wennst die nimmst, kommt a g’streiftes raus!“
„Oida, langsam reicht’s ma. Immer sogst ma, wos i tuan soll.“
Sie sagt nichts und streichelt seinen Bauch.
„Aufhören suist!“, fährt er sie an und rutscht ein Stück weg von ihr.
„Geh, pudel di net so auf!“
„I pudel mi auf, wenn i mi aufpudeln will! Waßt wos, des ois is ma z’bled! Immer muaß nach deinem Schädel gehen. Des hoit kana aus auf Dauer. Du mochst mi fertig. I man, brauchst nur die Leut fragen. Hearn’S, warat Ihnen des net a zum Speiben, wenn Ihnen immer wer wos vurschreibt, als waraten Sie ka mündiger Mensch?“

Der Mann schaut mich an. Ich bin maßlos überfordert mit der Situation, beiße meine Lippen zusammen, ziehe die Augenbrauen hoch und schaue in dem Moment vermutlich einfach ziemlich deppat drein …

„Jetzt scheißt er afoch auf mi!!“

„Wos host’n jetzt? Nur wegen dem Schaß Zuckerl?“, wirft sie schließlich ein und ich wühle nervös in meiner Tasche. Warum, um Himmels Willen, finde ich ausgerechnet jetzt nicht meine Kopfhörer!? Okay, Plan B muss her: Ich starre aus dem Fenster und versuche, möglichst konzentriert zu wirken. Also würde ich sehr angestrengt über eine sehr wichtige Sache nachdenken …
„Des Zuckerl steht für mei Leben. In des mischt du a ständig ein. Du, i sog’s da, wie’s is, i wü des nimmer. I wü die Trennung, i moch Schluss.“
„Hom’s des g’hört!? Wie er zu mir ist? Jetzt scheißt er afoch auf mi!!“

Die Frau schaut mich an. Ich tu so, als würde ich mich nicht angesprochen fühlen.

„Hom’s des g’hört!?? Er loss mi foin!“, sagt sie wieder.
Ich gebe nach und löse meinen Blick vom Fenster. Ich schaue sie an, aber sage nichts. Sie schaut mich an, ihre Mundwinkel zittern und sie fängt zu weinen an. Ganz toll! Na, was mach ich jetzt? Einfach aussteigen? Kann ich nicht bringen. Warum eigentlich nicht? Warum fühle ich mich plötzlich für zwei fremde Menschen verantwortlich, die ich bis vor drei Minuten noch nie in meinem Leben gesehen habe? Und was soll ich auch groß machen? Ich mein, ich schaff’s kaum, mein eigenes Liebesleben unter Kontrolle zu halten, wie soll ich dann das anderer Menschen retten? Hilfe!

Die Zeit heilt alle Wunden. Und: Sie können ja Freunde bleiben …

In meinem Kopf spule ich alle möglichen Stammbuch-Sprüche ab, die man bei einer Trennung oft gesagt bekommt: „San’s froh, dass Sie jetzt drauf kommen, dass Sie nicht zusammenpassen und nicht erst in ein paar Jahren“, „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Wird schon wieder“, „Was Sie nicht umbringt, macht Sie nur stärker“, „Sie beide haben was Besseres verdient“, „Es liegt nicht an Ihnen. Und an Ihnen auch nicht“, „Loslassen kostet weniger Kraft als Festhalten“, „Sie können ja Freunde bleiben“. Schließlich sage ich: „Das ist oft echt ein großer Scheiß mit der Liebe …“

2 Kommentare

  1. Hmmm in Wien ist immer was los, anders als in Graz, aber ganz großen Respekt Kathi, das ist die beste Antwort was man geben kann.

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  2. Ich hatte vor ein paar Jahren einen ganz ekligen Scheidungsprozess und damals habe ich all diese Klische-Kommentare bekommen (die Zeit heilt alle Wunden, es war nicht mein Fehler, es wird besser sein yadda yadda) und ich hasste alle Personen, die es mir gesagt haben, aber es stimmt doch nach einer Weile 🙂 vielleicht die Zeit heilt nicht alle Wunden aber mit der Zeit kann man an sich selbst arbeiten und es ist schon etwas..

    A.

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