„Deine Oma hat eine Botschaft für dich!“

Ich war letztens bei einer Hellseherin. Einem Medium. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ihre genaue Berufsbezeichnung lautet. Halt eine, die in die Zukunft sieht und mit im Jenseits Toten sprechen kann. Fasziniert mich schon ewig, wollte ich schon immer mal machen, jetzt hab ich mich getraut …

Die Frau mit den übersinnlichen Fähigkeiten ist geschätzt Ende 50, eine Spur kleiner als ich, hat kinnlanges, blondes Haar und ein sehr gewinnendes Lachen. Sie führt mich in ihren kleinen Arbeitsraum in ihrem Wohnhaus und bietet mir den Sessel gegenüber von dem an, in den sie sich setzt. Ihrer ist weich und gepolstert, meiner hart und aus Holz. „Ich sitze oft hier, ich brauch was Bequemes“, sagt die Hellseherin entschuldigend, als sie sich zurücklässt.

Ich schaue mich um. Auf den Regalen stehen Bilder. Auf einem umarmt sie einen Mann und beide lachen in die Kamera. Dürfte auch schon ein Zeiterl her sein … Auf dem anderen sieht man sie mit einem schwarzen, großen Hund. Kein Räucherstäbchen-Nebel oder anderen Eso-Schnickschnack.

Für einen kurzen Augenblick fixiert sie mein Gesicht, schließt daraufhin ein paar Sekunden lang die Augen, atmet tief durch und ohne Zögern sagt sie Dinge über mich, die stimmen. Keine schwammigen Sachen wie „Wenn du zu viel isst, nimmst du zu!“ oder „Manchmal gelingt dir was, manchmal auch nicht“, sondern sie spricht ziemlich konkret und detailliert. So, dass ich trotz Skepsis schon auch ein bisschen beeindruckt bin und mich frage, wie das geht. Vielleicht hat sie jemanden beauftragt, mich auszuspionieren! Aber gut, dann bleibt ihr von dem 175 Euro Honorar, das ich ihr am Ende der Session schulde, nicht wirklich was übrig, wenn sie davon einen Privatdetektiv bezahlen muss. Egal … Man muss nicht für alles im Leben eine Erklärung haben. Gilt für das hier und für viele Verhaltensweisen anderer Leute …

Etwa eine halbe Stunde später geht’s ans Eingemachte!

Was, wenn das Jenseits mich aufsaugt?!

„Möchtest du Kontakt mit Verstorbenen haben?“, fragt sie mich und lächelt, als hätte sie mir gerade einen Bananensplit angeboten.
„Ja, warum eigentlich nicht?“, sage ich und versuch, so lässig wie möglich zu klingen. Innerlich flippe ich: Was, wenn mich das Jenseits einsaugt? (Na gut, für diesen Fall hatte ich vorgesorgt und einer Freundin meine Koordinaten geschickt und sie gebeten, mich zu retten, sollte ich mich zwei Stunden nach dem Termin noch immer nicht gemeldet haben!) Oder was, wenn einer der Toten etwas sagt wie: „Bis morgen! Ich hol dich dann ab …“ Oder: „Ich beobachte dich immer beim Duschen. Du solltest dringend was gegen deine Cellulite machen!“

Die Hellseherin ruft meine Oma. „Sie spielt gerade Schach, etwas das sie hier nie gemacht hat. Sie sagt, sie hat zu Lebzeiten aber immer gerne Kreuzworträtsel gelöst.“ Das mit den Rätseln stimmt. Das mit dem Schach kann ich mir schwer vorstellen. Aber gut, der Tod verändert einiges. Bei den Hinterbliebenen und vermutlich auch bei einem selbst. Ist schon ein einschneidendes Erlebnis. Und vielleicht braucht man dann einfach eine neue Herausforderung. Keine Ahnung, wie das sit. Ich war selbst noch nie tot … „Sie sagt, sie verabschiedet sich jetzt, sie muss weiter.“ Wow … Da lass ich mich einmal ins Reich der Verstorbenen durchstellen und meine Oma nimmt sich keine zwei Minuten Zeit für mich. Wir beenden die Session und plaudern noch ein bisschen über den Brexit. Und über Stefan Petzner bei „Dancing Stars“ …

„Also ich finde ja, wenn man beim Tanzen … Moment“, sagt sie und hält mitten im Satz inne, „Deine Oma …“ Sie schließt die Augen und ich beobachte sie dabei fieberhaft.
„Deine Oma hat noch eine Botschaft für dich. Bist du bereit, sie zu hören?“ Die Hellseherin sieht mich mit eindringlichem Blick an.
„Ja, sicher“, sage ich und meine Hände beginnen zu schwitzen. Ich schlucke. Eine Botschaft. Wusste ich’s doch! Auf meine Oma ist Verlass! Meine geliebte Oma! Sprich zu mir, Großmutter! Eine Botschaft. Das klingt nach Erleuchtung. Nach etwas Tiefgründigem. Etwas, das mir dabei helfen wird, das Leben besser zu verstehen. Mich selbst besser zu verstehen. Mein wahres Sein zu entdecken. Ja, ja, jaaaa!!!! Ich bin bereit, mich von der spirituellen Energie durchströmen zu lassen und die kraftvolle Kunde zu empfangen. Halleluja!

„Sie sagt …“

Meine innerliche Anspannung steigt. Ich spüre, wie meine Knie weich werden. Ich schlucke aufgeregt und beuge meinen Oberkörper nervös nach vorne.
„Sie sagt, du musst nachts oft aufs Klo. Und sie sagt, du hast rosa Haussocken ganz hinten im Kleiderschrank. Du sollst die anziehen, wenn du in der Nacht aufstehst.“

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