Stoppt die Gurkerl-Vielfalt!

Okay, das richtig Perverse an der Jeans-Sache: Ich hab nach meinem Anprobe-Dilemma eine einzige Hose bestellt und – Trommelwirbel – sie hat wie angegossen gepasst. Beim Auspacken dachte ich zwar kurz: „Oh, die ist ziemlich groß“, als ich sie dann anhatte, war mir klar: „Oh, die ist ziemlich groß, aber sie passt.“ Also bin ich jetzt stolze Besitzerin einer neuen Jeans. Yippie! Und juhu!

Sonst tut sich im Moment nicht wirklich was. Ich hab einen Altwarenhändler kennengelernt, der als Haustier eine Taube hält. Hab sie nicht gestreichelt, nur ein bisschen mit ihr geplaudert und hab bei ihm eine Teekanne gekauft. Ich hab vor ein paar Tagen zum ersten Mal selbst Eierreis gekocht und trainiere wieder ein bisschen mehr als sonst. Aja, und ich hab’s geschafft, Geschenkspapier zu kaufen, auf dem kein Tixo hält. Es waren insgesamt neun oder zwölf kleine Sticker mitgeliefert, die am Papier haften. Die hab ich aber schon beim ersten Geschenk alle aufgebraucht. Hab jetzt noch Papier übrig, aber keine Kleber. Uhu funktioniert übrigens auch nicht. Ich lese noch immer Arno Geigers „Alles über Sally“. Mit dem hab ich im Sommer schon begonnen, dazwischen aber zwei andere Bücher reingepackt. „Anna nicht vergessen“, auch von Arno Geiger und „Trennt euch“ von Thomas Mayer. Alle drei empfehlenswert.

Und ich hab mir viele Gedanken über Überfluss und Verzicht gemacht. Ausschlaggebend war das Gurkerl*-Regal im Supermarkt. Ich wollte stinknormale Essiggurkerl haben. Solche, die mir meine Eltern früher aufs Wurstbrot gelegt haben. Und ich hab die Teile nicht gefunden in diesem Meer an Essiggurkerlgläsern. Da waren an die 50 verschiedene Geschmacksrichtungen: Gurkerl mit Chili-Geschmack, Gurkerl in Honig eingelegt, Gurkerl in Schokolade gewälzt, panierte Gurkerl, extragroße Gurkerl, …

Wozu? Was ist das? Und was macht das mit uns? Wir verwechseln die Gurkerl-Vielfalt mit Freiheit und Luxus, dabei überfordert und betäubt sie uns vor allem. Sie bewirkt, dass wir unsere Bedürfnisse nicht mehr erkennen, nicht mehr wissen, wie das mit dem Verzichten geht und uns selbst nicht mehr spüren. Bei uns fühlt sich’s nach Askese an, wenn wir um halb neun am Abend draufkommen, dass wir Lust auf einen Schokopudding haben, nur einer mit Vanillegeschmack im Kühlschrank steht und wir bis am nächsten Morgen drauf warten müssen, uns einen kaufen zu können …

* Das Wort „Gurkerl“ kann ersetzt werden durch Schokolade, Chips, Wurst, Joghurt, Nudeln, Soßen, Putzmittel, Weichspüler, Kondome, etc. 

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