Die Liebe ist ein seltsames Spiel …

Über meine Kopfhörer läuft „All I Need“ von Air. Ich sitze am Fenster und blicke hinaus. Der Zug zischt an Bäumen, Feldern und Wiesen vorbei. Vereinzelt stehen Häuser dazwischen. Manchmal auch mehrere nebeneinander. Die Sonne geht gerade unter und taucht die Landschaft in ein wunderschönes, warmes Licht.

Schon komisch, wie sich manche Dinge ändern. Früher hab ich’s gehasst, mit dem Zug zu fahren. Heute genieße ich es total. Ich kann hier komplett abschalten, meine Gedanken ziehen lassen. Wir halten in „Mödling“. Ein älteres Paar setzt sich zu mir ins Viererabteil. Sie nicken freundlich zu mir herüber. Ich nicke zurück. Er legt seine Hand auf ihr Knie. Sie wühlt in ihrer Tasche, fischt ein paar Zuckerl heraus und reicht sie ihm. Er winkt mild lächelnd ab. Herzig, wie die zwei miteinander umgehen. So eine Vertrautheit, so eine innige Liebe wünsche ich mir auch mal fürs Alter.

Ich stelle mir vor, dass sie vor 25 Jahren als Verkäuferin gearbeitet hat und er jeden Tag ins Geschäft gekommen ist und Sachen gekauft hat, die er gar nicht gebraucht hat, nur um sie zu sehen. Irgendwann hat er sich ein Herz gefasst und sie zwischen Wurstradeln und einer Packung Klopapier gefragt, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Sie sagte etwas wie „Oh, also ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist …“ Insgeheim machte ihr Herz Saltos. Endlich, eeeendlich hatte er sie gefragt, worauf sie schon Ewigkeiten gewartet hatte. Er schluckte resigniert. „Wenn Sie nicht wollen, muss ich es wohl akzeptieren.“

Jetzt schluckte sie. Machte er einen Rückzieher? „Also, ja, wissen Sie … Also, warum eigentlich nicht?!“ Seine Mundwinkel zogen augenblicklich in die Höhe. Sie verabredeten sich gleich für tags darauf zum Eis essen. Und tags darauf zum spazieren gehen. Und wieder tags darauf zum Enten füttern. Am See küsste er sie zum ersten Mal. Ein halbes Jahr später hielt er um ihre Hand an. Hach! Liebe ist etwas so wunderwunderwunderbares.

Jetzt hab ich Lust auf richtig viel Gefühl. Barbara Streisand. Oder Whitney Houston. Irgendwas, das emotional ordentlich einfährt. Ich öffne Spotify. Während ich nach neuer Musik suche, höre ich dem süßen Paar zu.

„Weißt, du kannst echt froh sein, dass du mich hast“, sagt er, „Wärst du nämlich mit dem Helge verheiratet, hättest du es nicht so leicht.“
Sie sieht ihn fragend an.
„Der Helge ist ziemlich haglich beim Essen. Net so wie i! I friss, wos du ma hinstöllst.“
Sie schüttelt kommentarlos den Kopf und hält ihm ein Zuckerl hin.
„Geh weg damit. Der Dreck pickt überall zwischen die Zähnt.“
„Dann eben nix“, antwortet sie in gebrochenem Deutsch und wickelt ein Bonbon aus der Verpackung, „In Polen alle lieben das.“
Er mustert sie kritisch von oben bis unten.
„Olle sogn’s, dass du zuagnommen host.“
Sie zuckt teilnahmslos mit den Schulter: „Wenigstens hab i nix Faaaalte so wie du.“

Landschaftsaufnahme Sonnenuntergang
Landschaft bei Sonnenuntergang

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