Mein erstes Mal mit 31. Festival für Anfänger

Woooooaaaahhhhh!!!! Mir steigt der beissende Geruch frischer Kotze ungefiltert in die Nase. E.K.E.L.H.A.F.T.! Die säuerliche Brise hier am Festival versetzt mich gedanklich sofort 14 Jahre in der Zeit zurück. Geeeeenauso roch in dem türkischen Urlaubsressort, in dem wir unsere bestandene Matura gefeiert haben. Ich rümpfe angewidert die Nase und trotte meiner Freundin hinterher.

Festival
Hallo, ich heiße Kathi, bin 31 und war noch nie auf einem Festival. Bis jetzt …

„Käsespätzle“, lese ich auf einem Stand, an dem wir vorbeigehen. Yummy! Ein paar Meter weiter steht ein Truck mit der Aufschrift „Burritos“. Lecker! „Holen uns später was“, meint meine Freundin.

Ein betrunkener Teenie stolpert über meine Füße. „Schuldige“, lallt er, reißt sich seinen orangen Jägermeister-Fischerhut vom Kopf, setzt ihn mir auf und fällt mir dann lachend um den Hals. „Geht’s dir eh gut?“, frage ich ihn besorgt, fische den Hut von meinem Kopf, setze dem Burschen ihn wieder auf sein Haupt und streichle ihn fürsorglich den Rücken. „Kathi, du bist nicht seine Mama. Komm, wir holen uns einen Spritzer“, zerrt mich meine Freundin von meinem neuen Freund los und steuert mit mir hin zur nächstbesten Bar. „Ich könnte aber seine Mama sein“, widerspreche ich und schaue ihm besorgt hinterher. Meine Freundin schaut mich entgeistert an. In ihr arbeitet es. Sie weiß, ich hab recht. „Zwei große Spritzer bitte“, ordert sie an der Theke, „Für jede von uns.“

Woooooheeeeeewwww!

Wir prosten einander zu und nehmen einen Schluck. Es ist mein erstes Mal auf einem Festival. Ich weiß gar nicht, warum eigentlich … „Are yoooouuu ready for Cypress Hill????“ schreit der Frontman der Band ins Mikro. „Yeeeeeeaaaaah“, brüllen die Fans zurück. Wir schreien mit, schmeißen uns in die Menge und wippen mit unseren Armen in der Luft zu den Hiphop-Beats, die aus den Boxen dröhnen. „Insane in the membrane!“, rappt B-Real. „Insane in the brain!“ rappen wir dazu. Gott, fühl ich mich jung, wild und frei! Woooheeewww! Wieso eigentlich nicht laut? Ich lass mich gehen. „Woooooheeewwww!“, rufe ich losgelöst in die Nacht.

Coole Stimmung, geile Musik, viel Spaß und ein bisschen Kotze auf meinen Schuhen …

Da steigt mir plötzlich wieder etwas in die Nase. „Ähm, riechst du das auch?“, frage ich meine Freundin. Ich hör auf zu tanzen und rümpfe wieder die Nase. Das ist … Das ist doch … Ein Mädel neben mir kichert, stoßt mich leicht von der Seite an und fuchtelt mit einem Joint vor meiner Nase herum: „Nehmen Sie nen Zug! Sie schauen aus, als könnten Sie es brauchen.“ Meine Freundin kichert schadenfroh. „Ich rauch nicht mehr“, sage ich, „Gesundheit und so.“ – „Alles klar“, nickt das Mädchen, überdreht gelangweilt die Augen, bläst mir den Rauch ins Gesicht, dreht sich um und feiert weiter.

Don’t care about tomorrow.

Drei Songs später geht die Band von der Bühne und wir machen uns auf den Weg zur nächsten Stage, um „Bilderbuch“ zu sehen. „Sie hat ,Sie‘ zu mir gesagt“, bin ich noch immer fassunglos. „Tja“, scheint so, als würden auch meiner Freundin die Worte fehlen. Die Band fängt zu spielen. Das Publikum hier kommt mir noch eine Spur jünger vor als gerade eben.

Ich beobachte die Leute um mich herum. 16-jährige Mädchen mit langen Haaren, die in Hotpants und Rucksack mit geschlossenene Augen gedankenverloren zur Musik tanzen. Burschen in Bandshirts stehen unbehofen daneben und versuchen einigermaßen im Takt zu wippen. Einige von ihnen sind mutig und greifen nach der Hand des Mädchens vor ihnen. Ein paar greifen ins Leere, weil der Alkohol sie nicht mehr geradeaus schauen lässt. Manche Mädchen reagieren, drehen sich um und fangen mit den Jungs zum Schmusen an. Einer der Jungs hat einen verschnörkelten Schriftzug auf seinem Oberarm tätowiert: „Don’t care about tomorrow“, steht da.

Die größte Spaßbremse am Festival …

Ich denke an meinen ersten Freund. Ich greif nach meinem Handy und tippe ein SMS. „Bin grad auf einem Festival. Ich denk grad an früher. Du warst der Coolste von allen und ich deine Freundin. Jackpot! Wir hätten damals mal zusammen auf ein Festival fahren sollen“, schreibe ich ihm. Wir sind heute noch miteinander befreundet. „Hahaha, du auf einem Festival! Großartig …“, schreibt er zurück. Und: „Ich wär mit dir nie im Leben auf ein Festival gefahren. Du wärst die größte Spaßbremse von allen gewesen. Alles wär dir zu laut, zu dreckig, zu versoffen gewesen. Hab dich lieb. Bussi.“

Hm.

„Komm, wir hau’n uns weiter vor“, zieh ich meine Freundin in die Menge. Wir prosten einander zu und singen mit: „Sag es laut, jaul es raus, gib es zu! Du bist hinter meinem Hintern her! Ich spüre es an deinen Fingern, du bist hinter meinem Hintern her!“ Und ich spüre etwas an meinen Beinen …

Mein Blick wandert Richtung Boden. Ich schlucke. Dann reckt es mich. An meinen Beinen klebt Kotze. Mein Blick wandert wieder nach oben. Ich drehe meinen Kopf nach links.  „Schuldige“, lallt der betrunkene Teenie mit dem Jägermeister-Fischerhut und schielt betroffen in meine Richtung. „Schuldige, Schuldige, Schuldige“, lallt er weiter. Ich atme durch. Mich reckt es wieder.

Dann denk ich mir: „Ach, scheiß drauf! Yolo! Young, wild, free und so ein Dreck.“ Ich lache. Dann reckt es mich wieder. „Passt schon“, sage ich. Ich muss mich konzentrieren, damit ich mich nicht selbst übergebe. „Ich hol uns Wasser. Mir zum Waschen, dir zum Trinken.“ Zwei große Bier hab ich uns dann auch gleich mitbestellt …

Tja … So könnte die Geschichte enden. Tut es aber nicht.

Mein Festival-Fazit

In Wirklichkeit reckt es mich einfach nur und ich bin damit beschäftigt, mich nicht auch selbst zu übergeben. Meine Freundin, die es mindestens genauso ekelt, leistet erste Hilfe und kippt mir ihren halben Liter Spritzer über die Beine. Tolle Geruchskombi … Angewidert humple ich zur nächsten Bar und versuche mit viel Wasser alles wegzuspülen. Die Schuhe und Socken kippe ich gleich dort in den Müll. Ich hab zum Glück Flipflops in der Tasche, weil ich die tagsüber anhatte und mir dachte, dass Sneakers auf einem Festival praktischer sind. Ich schicke ein Dankesgebet Richtung Himmel, weil ich auf der Fahrt zum Festival noch dachte, dass ich die Flipflops im Auto lasse, beim Aussteigen aber drauf vergessen habe.

Im Auto lasse ich mich in den Beifahrersitz fallen. „Fazit zu deinem ersten Festival?“, fragt mich meine Freundin. Ich: „Das mit der Kotze fand ich nicht so geil. Den Rest eigentlich schon. Nur die Käsespätzle hätte ich gerne probiert.“

Was fürs Leben gelernt

Und hey, ich hab einige Lektionen fürs Leben gelernt … Zum Beispiel: Fahr nie mit neuen Nikes auf so ein Event. Außerdem: Hab immer ein Paar Flipflops für Notfälle in der Tasche. Plus: Fischerhüte schauen scheiße aus, in orange sowieso. Uuuuund: Bestell dir immer gleich am Anfang was zu essen, danach könnte dir der Apptit vergehen. Aja: Die Toi Toi-Toiletten sind besser als ihr Ruf. Ich musste auf die Pipibox und hatte einen extremen Horror davor. Ich überlegte sogar kurz, ob ich’s nicht weniger schlimm fände, es einfach laufen zu lassen. Hab mich dann doch fürs Klo entschieden und war überrascht, dass es dort erstaunlich „gut“ gerochen hat. So und jetzt nur noch vom Festival-Häusl auf einen g’scheiten Schlusssatz kommen …

Hmmm. Eine Toilettenweisheit? Das könnte klappen: Also: Erfolg am Örtchen ist besser als Pech im Lotto. Nein, nein, doch lieber den hier: Das meiste Bier bleibt hier. Cheers!

6 Kommentare

  1. Wow, danke für den Bericht. Ich, 20, war auch noch nie auf einem Festival, aber das kommt sicher noch. Etwas abgeschreckt hast du mich dann aber allerdings trotzdem mit der Geschichte 😛

    Ich hoffe du hattest ein schönes Wochenende.

    Liebste Grüße Lu ♥

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  2. Grossartiger Artikel! Ich war auch noch nie auf einem Festival. Und ich glaube, ich will das in diesem Leben auch nicht mehr….;-)

    Berichte aus Wacken im Fernsehen zu sehen finde ich allerdings immer wieder lustig….aber es gibt ja zum Glück auch noch kein Geruchs-TV.

    VG,
    Anneli

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  3. Haha herrlich amüsant 😊😁😆 !!!!
    Mein 31er steht kurz bevor und ich werd auch dann nicht auf ein Festival gehn. Warum? Siehe weiter oben 😂😂. Auf Kotzgeruch und Kotze überall verzichte ich gerne und koch die Käsespätzle lieber selbst. 😉
    Freu mich auf den nächsten zum-Totlachen-Bericht von dir.
    LG aus der Schweiz, Karina

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