Und wann ist es bei dir so weit!?

Die Tasse ist bis zum Rand voll mit heißem Kaffee gefüllt. Mir egal. Es reicht!!! Ich schnappe mir das Häferl und donnere es gegen die Wand. Die braune Suppe tropft auf den Boden. Ich brülle wie ein Ninja-Kämpfer und rase cholerisch durch das Zimmer. „Wieso schaust du mich so an?“, brülle ich. Diese blöde Kuh!!! „Ahhhhhhh!!!“, schreie ich, reiße ihr ihre Tasse aus der Hand und donnere auch die gegen die weiße Wand, während ich mit beiden Beinen wütend aufstampfe und es mich vor lauter Wut am ganzen Körper durchbeutelt. „Wenn du weiter so dreinschaust, mach ich das auch mit deinem Handy“, kreische ich.

Na gut, würd ich gern … Was ich tatsächlich mache!? Ich lächle, zucke mit den Schultern und sage: „Ach, keine Ahnung.“ Dann tu ich so, als würd mich das alles nicht tangieren, als fände ich das Thema genauso belanglos wie einen Talk über den perfekten Lippenstift. In Wahrheit könnte ich allerdings auf der Stelle zum Heulen anfangen. Und manchmal, wenn ich dann allein bin, tu ich’s auch. Weil ich die Ignoranz mancher Leute schon echt leid bin. Genauso leid bin ich diese indiskrete Fragerei und das Gefühl, mich für alles in meinem Leben irgendwie rechtfertigen zu müssen. Dieses „Wann ist es denn bei dir so weit?!“ und „Mit 31 wär’s schon an der Zeit. Da war ich gerade zum zweiten Mal schwanger“.

Ja, schön für dich! Und darf ich jetzt mein Leben bitte weiter so gestalten wie ich es möchte? Vor allem: Darf ich bitte das Beste aus dem machen, was sich mir bietet? (Weil – Überraschung – wir haben nicht immer auf alles Einfluss, schon gar nicht auf Mutter Natur. Meine Eltern zum Beispiel haben zwölf Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen … Nur so, als kleiner Hinweis …) Ahhh, und eine Bitte hätte ich noch, bevor ich’s vergesse: Wär’s okay, wenn ich noch selbst entscheide, wem ich was über mein Privatleben erzähle und nicht alles ungefiltert vor jedem breit trete!? Ich geh ja auch nicht bei einem Konzert in der Stadthalle aufs Klo und lass die Tür dabei offen stehen … Und wenn ich eben gerade über meine gewaxte Vagina reden möchte, nicht aber über meinen Beziehungsstatus, ist das eben so.

Ich geh ja auch nicht in der Stadthalle aufs Klo und lass die Tür dabei offen.

Dieses permanente Rechtfertigen … Geht ja nicht nur mir so. Wenn man drei Kinder hat, muss man sich erklären, wenn man Patchwork lebt, wenn keine Kinder möchte, wenn man trotz Kinder Vollzeit arbeiten geht, wenn man dünn ist, wenn dick ist, wenn man gerne Sport macht, wenn man keinen Sport macht, wenn man sich die Lippen aufspritzen lässt, wenn man sich nie schminkt, wenn man Tangas trägt oder keinen BH …

Es gibt immer jemanden, der einen quasi dazu auffordert, sich zu rechtfertigen, warum man was macht. Vor allem muss man immer und zu jeder Zeit hinter dem, was man macht stehen, weil sonst umkreisen einen sofort die anderen wie Aasgeier und ergötzen sich dran, wenn’s einen mal anzipft. Und ja, es zipft jeden mal was an seinem Leben an. Mit Kindern oder ohne, mit Mann oder Frau oder solo, mit Job, ohne Job, angestellt, selbstständig, dick, dünn, sportlich, unsportlich, in der Großstadt oder am Land, ob man sich bewusst für etwas oder gegen etwas entschieden hat oder ob man sowieso keine andere Wahl hat. Wieso tun wir uns diese unangenehmen Gefühle gegenseitig oft an!?

Die Alte jedenfalls lässt nicht locker: „Aber einen Freund hast du schon einen, oder?“ Ich fische mein Lipgloss aus der Tasche. „Der macht echt weiche Lippen“, sage ich und wedle mit dem Stift vor ihrer Nase herum. „Also nein!? Du Arme! Aber kommt vielleicht auch noch …“, ihr Blick wird mitleidig. Okay, was hab ich verpasst!? Seit wann ist man als Single bedauernswert? Und wer hat überhaupt gesagt, dass ich Single bin!? Und warum sind die Dinge rund um Partnerschaft und Kinder oft die ersten Fragen, die man gestellt bekommt!? Beim Thema Geld zum Beispiel sind die meisten diskreter. Gibt natürlich auch welche, die’s gern hätten, dass man seine Kontoauszüge für sie kopiert, aber prinzipiell wird da weniger nachgehakt.

Superheldenpose
Was ich mit dem Bild sagen möchte: Wir sind alle Superwomen und sollten uns nicht gegenseitig runterziehen!

„Lässt du die Typen immer stehen oder doch eher sie dich?!“, fragt sie mich. Ähm, okay, ich überlege ernsthaft, ihr Gesicht in die Erdbeerschnitte zu tunken, von der sie gerade ein Stück mit der Gabel runter sticht. Ja, keine Sorge, ich weiß, das macht man nicht. Ich hab eine bessere Idee … „Ich habe im Moment entsetzlichen Liebeskummer und du bohrst da gerade in offenen Wunden herum“, sage ich und versuche dabei, einen Blick wie Bambi, kurz nachdem seine Mama gestorben ist, hinzukriegen.

Die blöde Kuh schluckt. 1:0 für mich. Yep, jetzt kannst du betroffen dreinschauen! Ich juble innerlich. Nach außen mach ich noch immer einen auf Rehkitz. Und ja, hätte tatsächlich sein können, dass ich gerade eine Trennung hinter mir habe. Um die momentane Stimmung zu intensivieren, seufze ich so leise, dass sie den Eindruck bekommt, mir fehlt die Kraft für mehr Geräusche und gerade so laut, dass sie es hört. Shit, wieso kann ich nicht auf Knopfdruck weinen!? „Ups“, stammelt sie. Ups!? „Es tut mir leid“, stottert sie weiter.  Ha! Geht doch. „Dass bei dir keiner bleiben will.“ Oida, okay, hilft nix, manche Leute muss man einfach in Erdbeerschnitten tunken …

Ich in meinem Lieblingskleid
Yippie-ya-yeah! Ich passe wieder in mein Lieblingskleid!

P.S.: Ich kriege übrigens schon wieder in ein paar meiner Kleider zu, die mir zu eng waren. Trotz Pizza, Spareribs und Brettljause. Okay, beim Reissverschluss zumachen hab ich mir letztens ein bisschen Haut eingezwickt, aber hey, ich pass rein! Ich hab nämlich das Intervallfasten für mich entdeckt. Muss ich euch unbedingt bald mehr davon erzählen, weil das Ganze auch echt, echt gut im Alltag funktioniert.

6 Kommentare

  1. Mich nervt dieser ständige Rechtfertigungszwang auch total.
    Warum wird man nicht einfach so gelassen wie man ist und fertig?
    Im Leben läuft nicht immer alles so wie geplant.
    Oh und manchmal würde ich solche Leute auch gerne wo hinein tunken…

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    1. Ja, keine Ahnung, das frag ich mich auch oft, warum manche scheinbar wirklich gierig drauf sind, anderen ein ungutes Gefühl zu geben …

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  2. Oh da kann ich Lieder singen davon … was euer Sohn ist schon 4? … hm naja … und ein zweites? Wollt ihr kein zweites?
    Was soll man da sagen? Doch ja probieren es schon ein Jahr aber hey die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden beträgt pro Monat 20% okayyyy? Und jetzt Klappe!

    🙂 danke für deine ehrlichen, ungeschminkten Beiträge 😉

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    1. Ja, ich glaub, das machen vor allem Leute, die mit ihrem eigenen Leben unzufrieden sind und von sich ablenken möchten. Das sag ich mir in solchen Situationen immer wieder! Eh sehr traurig in Wahrheit!

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  3. Ich finde es nicht ok wenn man menschen zwingt sich zu rechtfertigen, aber man kann es lernen solche komentare zu ignorieren oder man lernt einen menschen kennen der einen so behandelt wie er ist, klar wenn man was erzählt vom leben kommt dann die frage warum man es tut das ist auf irgendeine weise auch rechtfertigen aber nicht so was was zu 90 prozent der menscheit erlebt. Du bist toll kathi und kannst gut schreiben vielen dank das wir teilhaben dürfen

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