Der nackte Nachbar

Ich hab mir gedacht, ich erzähl euch ein bisschen was von mir. Zum Beispiel, dass ich vor ein paar Monaten umgezogen bin. Der Grund: In meiner alten Wohnung hat’s im Klo gestunken. Also immer. Nicht nur, wenn man gerade …Trotz WC-Spray und zig anderer Hausmittel hat’s permanent ungut gerochen. Mir war’s schon peinlich, wenn Besuch kam und ich immer sagen musste: „Du, am Klo stinkt’s, ich war das aber nicht.“ Und dann die Blicke der Gäste, die so viel sagten wie: „Ja, natürlich …“

Der Installateur jedenfalls meinte, das muss man sich genauer anschauen, das könnte ziemlich aufwändig werden, da dürfte es was mit dem Rohr haben. Dann ist auch noch die Duschkopfhalterung im Bad abgebrochen. Ich habe beides als Zeichen gedeutet, dass es Zeit für was Neues war. Außerdem ist meine Nachbarin aus dem Erdgeschoss ebenfalls ausgezogen. Also dachte ich mir: „Suchst dir halt ein bisschen was Größeres mit Badewanne.“

Wir beide, meine Nachbarin und ich, waren über zehn Jahre in dem Haus. Wir haben uns kurz nach unserem Einzug kennen gelernt und sie erinnerte mich auch immer ein bisschen an meine Oma. Nicht unbedingt optisch, also optisch eigentlich gar nicht, aber wegen dem Kochen. Wegen der Hühnersuppe und weil sie beide die Karotten komplett gleich schneiden beziehungsweise geschnitten haben. Ich hab’s geliebt, nach der Arbeit bei meiner Nachbarin reinzuschneien, drauf zu warten, bis sie sagte: „Magst was essen? I hob no Nudeln übrig!“, alles aufzufuttern und dann gemeinsam mit vollem Bauch auf der Couch zu liegen und Trash-TV zu schauen. Das lief in etwa immer so ab:

Nachbarin: „Was schau ma?“
Ich: „Was spielt’s?“
Nachbarin: „Nix g’scheits.“
Ich: „Hm.“
Nachbarin: „,Teenager werden Mütter‘ laft.“
Ich: „Hm.“
Nachbarin: „Da sterben uns wieder eine Million Gehirnzellen ab.“
Ich: „Hm. Schalt hin.“

Na und dann sind wir beide eben ausgezogen. Sie zurück in ihren Heimatort, ich ein paar Straßen weiter in eine neue Bleibe. Und seither sitze ich oft an meinem Esstisch, stochere in einer Dose Thunfisch herum und vermisse unsere gemeinsamen Abende.

Ähm, echt jetzt!? Tut mein Nachbar das gerade wirklich?!

Heute zum Beispiel ist einer dieser Tage. Es war halt auch schon so eine Vertrautheit zwischen uns. Uns war’s wurscht, wie die Wohnungen ausgeschaut haben und wie viele Unterhosen am Flur herumlagen. Wir sind oft stundenlang nebeneinander gesessen, ohne uns wirklich zu unterhalten – und es hat sich gut angefühlt. Es war war wie Familie.

Ich mein, wir haben miteinander gelacht, geweint, … Moment … Ähm … Echt jetzt!? Da drüben! Ich glaub, ich seh nicht richtig … Hallo???! Aber hallo! Er tut es nicht wirklich, oder? Ohhhhh doch, er tut es … Er tut es wirklich! Ernsthaft!? WOW! Hm … Nicht schlecht. Ziemlich groß … Ich mein, wenn ich’s bis hierher gut sehen kann … Hm … Ähm … Oh Gott, jetzt hat er mich gesehen. Was mach ich jetzt!? Wenn ich mich ducke, ist das peinlich. Winken! Winken geht. Hab ich ihm tatsächlich gerade zugewunken!? Ich lass die Rollo runter. Es ist wie bei Herzblatt, nur umgekehrt. Oh Gott, ich bin ganz aufgewühlt. Er war echt groß irgendwie … So, Kathi, konzentrier dich! Okay, okay, okay!

Hm? Ja? Oooookay, ich versteh schon, ihr wollt auch was davon haben. Also gut. Ihr klickt jetzt jetzt gleich auf einen Link, fängt an, das Video abzuspielen und wechselt in den Tabs dann wieder zurück auf meine Seite. Alles klar? Also gut: Hier klicken.

Jetzt stellt ihr euch einen Mann Anfang 30 vor. Gute Statur, kein Ryan Gosling oder Channing Tatum, aber echt sehr, sehr, sehr okay. Dunkle Haare, Dreitagebart, trainiert, braun gebrannt. Er trägt eine dunkle Anzughose, ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte. Gedankenverloren geht er vor seinem Fenster auf und ab, durch das ihr in seine Wohnung sehen könnt. Er knotet die Krawatte auf. Langsam. Zwischendurch kreist er mit geschlossenen Augen seine Schultern. Dürfte ein langer Tag für ihn gewesen sein. Ich vermute, er ist Anwalt oder Manager in einem internationalen Unternehmen.

Jedenfalls hat er fix einen Posten mit viel Verantwortung. Er legt die Krawatte auf einem Stuhl ab, öffnet die Hemdknöpfe an seinen Armgelenken. Dann öffnet er die restlichen Knöpfe vorne. Er streift das Hemd ab, es fällt auf den Boden und er lässt es liegen. Er kreist oben ohne wieder die Schultern. Dann legt er den Kopf langsam von links nach rechts. Er dürfte verspannt sein. Er zieht an seinem Gürtel, um ihn zu öffnen. Es blitzt seine weiße Calvin Klein-Unterwäsche hervor. Er steigt aus der Anzugshose. Er setzt beide Hände am Bund der Unterhose an und während er sie runterzieht, treffen sich eure Blicke.

Das ist mir gerade passiert. Naja gut. Mein Nachbar ist Ende 40, ordentlich untersetzt, kaum Haare am Kopf, dafür sonst überall. Seine Unterhose war orange gelb gestreift, viel zu eng. Aber prinzipiell ist mir das gerade passiert. Und wer kann schon behaupten, er hat einen persönlichen Stripper daheim? Ich zum Beispiel.

Ich will jetzt trotzdem noch eine Seelen-Hühnersuppe von meiner Nachbarin. Auch wenn’s Hochsommer ist. HÜHNERSUPPE!

Fenster mit Rollo
Hinter dieser Rollo passierte der (unfreiwillige) Männerstrip

 

10 Kommentare

  1. Hmm, ich bin auch erst vor ein paar Monaten umgezogen und habe das Pech, dass die Nachbarn vom Nachbarhaus und ich uns direkt in die Wohnungen schauen können.
    Fürs Bad und Schlafzimmer habe ich schon Plissees besorgt, aber im Wohnzimmer und in der Küche fehlt mir noch was.
    Eine schöne Gardine, ein Vorgang, was auch immer.
    Kann schon mal passieren, dass sie mich mal im Höschen gesehen haben.
    So eine tolle Nachbarin wie du hatte ich bisher nicht.
    Nur meinen Vermieter und seine Frau in der letzten Wohnung.
    Ein älteres Ehepaar in den 80ern.
    Wir haben uns nicht so toll verstanden.
    Liebe Grüße, Aletheia

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    1. Ja, in Wien ist das sowieso ein Problem. Da lebt man quasi mit den Nachbarn zusammen. Meine haben mich vermutlich schon in den komischsten Situationen erlebt – oft hab ich dir Rollo oben und den Vorgang auf und vergesst vollkommen darauf, dass sie ja alles sehen können. In Unterwäsche ausgelassen tanzen oder heulend vorm TV sind da noch eher die harmlosen Dinge 😂

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      1. 😂😂Das kenne ich gut. Ich weiß noch, als ich oben ohne den Rollo hochzog und just in dem Moment der Nachbar von nebenan hochschaute. Er wollte gerade den Rasen mähen… Liebe Grüße Aletheia

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        1. Haha, ich würd sagen: Auf die Nachbarschaft! Meiner ist ja mein kleiner Motivationskick, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. Ich denk mir dann immer, wenn er mich mal nackt sehen sollte, soll er zumindest Schnappatmung dabei bekommen 😀

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  2. Du brauchst eine Newsletter. Dringend. Ok. ICH brauch DEINEN Newsletter dringend. So einmal in der Woche wär cool. Viel Spass noch mit Deinem Blog.

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    1. Ich und die Technik 🤦‍♀️ Ich probiere es demnächst, einen einzurichten. Bis dahin kann ich dir meine Facebook-Seote anbieten: https://m.facebook.com/hungamiadkoid/

      Und danke für das liebe Feedback! Bin neugierig auf deinen Blog. Werd ich gleich vorbeischauen 🤗

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  3. Haha 😂 Erinnert mich stark an meinen Nachbarn auf der anderen Strassenseite in Graz. Den hab ich regelmässig am Klo sitzen sehen 😨. Und ihn und seine „Bekanntschaften“ auch ständig lautstark stöhnen gehört. 😜

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