In der Sauna mit Simon & Garfunkel

Dinge, die einen beschäftigen, soll man nicht hinunter schlucken. Man soll darüber reden, um es zu verarbeiten. Auch wenn es einem schwer fällt und man sich dazu überwinden muss. Aber wenn man alles mit sich ausmacht, zerbricht man irgendwann daran. Eine Sache lässt mich seit etwa zwei Wochen nicht mehr los und darüber würde ich jetzt gerne sprechen …

Ich war mit einer Freundin in der Therme. Freitagabend, ein bisschen Schwimmen, ein bisschen Sauna gehen, gemütlich ins Wochenende starten. Um 21 Uhr gab es den letzten Aufguss, bei dem wir dabei sein wollten. Eiskalt oder heißkalt oder so in der Art … Wir konnten uns nicht wirklich was darunter vorstellen, haben uns aber dafür angemeldet. Wie etwa 35 andere auch. Mit denen saßen wir schließlich um Punkt neun in einer riesengroßen Hitzekammer, die mehr an einen Seminarraum als an eine Sauna erinnerte. In der Mitte stand ein riesiger Ofen, drum herum drei Reihen Holzbänke. Ich setzte mich auf gegenüber vom Eingang auf die mittlere Bank.

Willkommen im Proleten-Schwitzkasten!

„Heast, Roli, host dei Pupp‘n net dabei?!“, brüllt mir ein Typ in mein linkes Ohr, während ich gerade dabei bin, mein Handtuch zu fixieren. Er ist etwa Mitte 60, (schlecht) tätowiert, Flinserl im rechten Ohr, (ungepflegter) Spitzbart, (immens großer) Bierbauch.
„Na!“, brüllt ein anderer Typ in mein rechtes Ohr. Er dürfte Ende 50, Anfang 60 sein, (nicht wesentlich) schlanker, Brustwarzenpiercing.
„Na, schod!“, brüllt es wieder von links.
„Ruaf’s hoit au!“, brüllt es von rechts.
Schallendes Gelächter von beiden Seite. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen.

„Guten Abend“, begrüßt uns der Saunamitarbeiter, „Scheeen, dass Sie sind hier in Sauna heute! Wir machen jetzt gute Reise zusammen mit gute Musik! Wird dauern lange, wird werden extrem, hihihihi, viel Spaß!“ Dann lässt er seinen Blick verschwörerisch durch die Menge kreisen. „Aber in Ernst: Wenn ist nicht gut, entfernen Sie.“

„Der do drüben is ka Guada. Kenn ma iam bitte entfernen?“, brüllt es von links.
„Heast, gib a Ruah. Kemma bitte aufangn. I wü do net übernocht’n heit!“

Ich schaue meine Freundin verunsichert an. Sie zuckt ratlos mit den Schulter und schließt die Augen. Der Mitarbeiter schließt die Tür. Es geht los! Na gut … Ich schließe auch wieder die Augen und versuche zu entspannen.

Ich bin glücklich und frei …

Haaaaaa, Sauna ist schon etwas Feines. Ich atme tief durch und merke, wie ich mit jedem Atemzug ruhiger werde. Der Stress der vergangenen Woche entfernt sich immer weiter von mir. „Ich bin glücklich und frei“, sage ich mir innerlich in Endlosschleife vor. Mein ganzer Körper lockert sich.

„Hello darkness, my old friend, I’ve come to talk with you again …“
Ähm … Ernsthaft!!? Spielt der Typ da gerade tatsächlich Simon & Garfunkel?!
„Because a vision softly creeping, left its seeds while I was sleeping …“
Ich öffne die Augen einen Spalt und schaue heimlich in die Runde. Eine Horde nackter Menschen wiegt sich sanft im Rhythmus der Musik.

„And the vision that was planted in my brain, still remains, … “ Der Mitarbeiter hebt einen riesigen, roten Fächer vom Boden auf. Er beginnt, den Leuten Luft zuzuwedeln. Und dann beginnt er zu tanzen. Er tanzt mit einem knappen, weißen Handtuch um die Hüften um den heißen Ofen und bewegt den Fächer dabei wie eine spanische Flamenco-Tänzerin. WOW! Dann beginnt er zu singen. Und 35 nackte, schwitzende Menschen stimmen mit ein: „ … within the sound of silence …“

Und jetzt sagt mir bitte einer, wie ich diese Bilder je wieder aus meinem Kopf bekommen soll!!!!!!!??????

4 Kommentare

  1. Ein echt gelungener Beitrag. An die Szene wirst du dich dein Leben lang erinnern; selbst wenn die Musik im Auto dröhnt :P. Aber ich finde, dass es gerade solche Situationen sind, die unser Leben mit Witz und Lachern füllen.
    Alles Liebe und schönen Sonntag
    Micha

    ________________
    http://www.michaslifestyle.at

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  2. Die bekommst du nie mehr raus, lerne damit zum leben, danke für deine schönen geschichten, da gehts einem immer besser

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  3. Ganz einfach mal dran denken wie es einem Mann so in der Sauna geht. Die Schwitzhütte ist schon recht gut besucht. Viele sitzen ja schon seit einiger Zeit da und warten was das kommt. Ich hab da einmal ein Gespräch von zwei merkwürdigen, aber typischen Saunagestalten mitgehört. Der Eine: Sauna is eigentlich eine gratis Peepshow, wennst rechtzeitig drinnen bist, kannst dir die Weiber gut abscannen, die Intimfrisuren vergleichen, so bist auf dem Laufenden, was man unten trägt, der Andere: Geh, heut habens doch alle ah Götzen unten. Höchstens an kleinen Streep, landingstreep, songs dazu. Manchmol gibts noch so uhrige die haben an richtigen Pelz unten. Irgendwie hat er gar nicht so Unrecht, wo sonst hast die Gelegenheit, dass eine Frau aus bestem Hause auch, sich nackt hinsetzt und zumindest ihre Brüste zeigt. Manchmal, ganz zufällig natürlich, auch ihre anderen behaarten oder gerodeten Körperstellen, die ansonsten sogar vor guten Freunden ängstlich verborgen bleiben. Sauna ist eine Ausnahmeplattform, des Zeigens, der freien Körperkultur. Die Kulturgeschichte der Sauna und ihren Vorläufer in der mittelalterlichen Bäderkultur, wo der Herr Doktor mit der Frau Baronin in den Zuber stieg, will ich jetzt aber nicht durchphilosophieren.
    Ich setze mich so, dass ich nicht zu nahe an den schon schweißtriefenden fetten Damen und doch mit einem guten Überblick über die, im wahrsten Sinne aufgeheizte Szene, mein Handtuch auflegen kann. Die eine Matrone rückt unauffällig näher, unauffällig aber nur für sie. Sie zeigt mir bei dieser Gelegenheit alles, alles was ich nicht sehen will. Oh Gott, wie bekommt man die Fleischfettmassen wieder aus dem Sinn? Man möchte danach doch wieder erotisiert an einen schönen Frauenkörper, nicht modellike dünn, sondern eben süß weiblich denken können. Ich schließe die Augen und sehe die selbe Fettl auch mit geschlossenen Augen. Es gibt kein Entkommen aus dieser Vorhölle. Also, mutig die Augen auf und einfach wo anders hinschauen. Das Glück ist mir hold, eine hübsche Blondine, naturblond, was ein leicht beflaumtes Dreieck bezeugt, war gerade während ich meine Augen geschlossen hatte hereingekommen. Sie richtete sich gerade mir gegenüber häuslich ein. Hübsch, ein nettes Lächeln im Gesicht und sehr offen, in jeder Hinsicht, setzt sie sich, in einem gut beschaubaren Abstand. Die Welt kann ja doch schön sein, denke ich und werde gleich wieder aus meinem glücklichen Ablenktagtraum geweckt, ein veralteter lockiger Jüngling, nur, die Locken dicht wie ein Urwald auf der Brust getragen, Schwergewichtsboxertyp, nur eben die reine ungepflegte Schmalzversion, kommt direkt auf mich zu, verstellt mir die gute Aussicht, aber dass ist noch nicht der Tiefpunkt. Er sagt: do is eh noch locker Platz, und zwängt sich, seinen Schweiß mit mir teilend, neben mich. Eher schon etwas auf mich, mit einem stumpfen, auf alter Kumpel getrimmtem Lächeln, zwickte er mich mit seinem Fettberg Oberschenkel fettfeucht ein. Ich rücke etwas aus der Quetschzone ab und damit wieder etwas näher an die zeigefreudige voluminöse Dame heran, sie lächelt und sieht das als Annäherung. Jetzt rückt auch sie wieder näher. Oh Gott! Ich versuche krampfhaft nicht in ihre Richtung zu sehen. Doch sie schüttelt ihr Saunatuch ein wenig auf um mir wieder etwas von ihrer Fülle zu zeigen. Man versuche sich einmal von der, durch Bewegung aufmerksamkeitheischenden Nacktheit abzuwenden. Der Aufgusssteuernde, voll behaarte Bergbauern Bub: Jetzt is bequem genug, mir mochen an Honigaufguß, gel. Dazu gibts ah klassische Musik. Musik ertönt: ( Trude Herr: Ich will nen Cowboy als Mann). Ein kleiner Witz voran, jo: Ein Mann weint bitterlich an einem Grab, sogt dauert: warum hast du nur so früh gehen müssen, warum nur warum? Eine Frau kommt auf ihn zu und fragt mitleidvoll: Mein Gott, sie Armer, liegt da ihre Frau drinnen? Aber wo, der Sepp, der erste Mann von meiner Frau! Hahaha… Jetzt werden die Honigdöschen herumgereicht. Doch bei der Fettlmama war die Sache ausverkauft, will heißen, sie hat das letzte Döschen bekommen. Sofort bot sie mir an in ihr Döschen zu greifen, natürlich erst nachdem sie ihren Schweiß mal vorsichtshalber, schon mit ihren Wurstfingern darin untergebracht hatte. Sie wollte ja gerne mit mir teilen. Ich weiß nicht warum und wie es mir geschah, mich verließ Geduld, Toleranz und Empathie. Ich halte mich eigentlich für sippenfähig, und dennoch sprang ich auf und ergriff einfach so, die Flucht. Ich wollte nur noch duschen, mich all des Schweißes entledigen und mich wieder in meinen Liegestuhl fallen lassen und nicht mehr an Schweiß und Fett und blödmannsches Gerede denken müssen. Sauna kann schon, muß aber nicht, entspannend und befreiend wirken. Manchmal sicher! Heute leider nicht!

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