Hausfriedensbruch in New York

Es gibt Dinge, die vergisst man einfach nicht. Etwa, wenn man mitten in New York in einer Rooftop-Bar steht, gerade dabei ist, ein Foto von der atemberaubenden Skyline zu machen und dann von einem zwei Meter großen als auch breiten Security-Typen im Würgegriff abgeführt wird. Aber von Anfang an …

New York, Juli, 2011.

WOW! Was war ich stolz!! Meine Freundin Andi wurde an der Princeton University aufgenommen und studierte nun tatsächlich in Amerika. Perfekt, wenn man in seinem eigenen Leben gerade nichts hat, womit man angeben kann. Dann macht man das eben mit den Leuten in seinem Umfeld!

„Welche Pläne hast du für diesen Sommer?“
„Mhhh, keine besonderen. Wir fliegen nach Ibiza. Vier Sterne. Du?“
„Auch nicht groß was … Ich werde  meine Freundin besuchen, die in Princeton studiert …“ Bamm! Take that! Da schaust, gell!

Ich bin also rein in den Flieger und ab in die Stadt, die niemals schläft. Es war Liebe auf den ersten Blick: Die Gebäude, die Menschen, die Energie. Ich habe es unglaublich genossen, mit einem Becher Kaffee mitten auf den Time Square zu sitzen die Leute um mich herum zu beobachten. Oder in der Rush Hour mit der Subway zu fahren und beim Aussteigen mit dem Strom der Einheimischen mitzulaufen. Das, obwohl ich es hier in Wien hasse, in die Öffis zu steigen und wenn möglich alles zu Fuß abklappere … Aber in New York hat alles einen ganz eigenen, einen ganz besonderen Flair. Eben sogar das Ubahnfahren.

Jedenfalls: Eines Abends sind Andi und ich aufgebrochen, um zwei, drei Drinks in einer Rooftop-Bar zu nehmen. „Sex And The City“-like … Beide stöckelten wir im kleinen Schwarzen mit chicer Clutch und in Bomben-Highheels irgendeine Avenue entlang in Richtung einer der angesagtesten Dachterrassen-Schuppen. Bamm, bamm, bamm! Kick die Hüfte, feel the city spirit! Yesssss! … Und stopp! Vor dem Eingang der Bar war eine elends lange Schlange. Wartezeit: Geschätzte zwei Stunden.

Jackpot!

„Geh bitte, ich steh doch nicht die halbe Nacht an, um da hoch zu kommen“, lästerte Andi.
Ich zuckte planlos mit den Schultern. „Sollen wir woanders hinschauen?“
Sie warf mir einen irritierten Blick zu: „Es ist DIE Bar … Sicher nicht! Schau, da drüben. Wir nehmen den Aufzug dort!“ Sie deutete zu einem Lift, in den ein Angestellter gerade vier schwarze, volle Müllsäcke einsortierte.
„Das ist ein Mitarbeiterlift …“
„Ja und!? Der Typ freut sich, wenn er uns mitnehmen darf“, sprach sie, parfümierte ihren Hals ein und marschierte in die Richtung des Angestellten. Sie redete kurz, aber intensiv auf ihn ein und deutete mir schließlich, rüber zu kommen.

„Can my friend and I come with you?“, fragte mich der Typ hinter mir in der Schlange. Korrigiere: … fragte mich der überaus fesche Typ hinter mir in der Schlange.
„Of course“, flötete ich, warf keck mein Haar zurück, lief los zum Lift … und blieb mit meinem deppaten Pfenningabsatz zwischen zwei Pflastersteinen stecken.
„Take my hand“, meinte mein New York-Aufriss galant. „Da geht noch was, da geht noch was, da geht noch was“, kreischte ich innerlich. Und: „Wir werden schmuuuuuusen! Schmusen, schmusen, schmuuuuusen!“
Oh Mann, ich hatte einen echten Jackpot gelandet!

Da war ich also: Eine 25-jährige Single-Frau mitten im Big Apple Hand in Hand mit einem eeeeextrem attraktiven American boy, der auf Teufel komm raus mit mir flirtete.

„Halleluja!“, rief ich, „Das stinkt ja bestialisch!!!“ Zu fünft standen wir zwischen vier Müllsäcken im Lift und fuhren hinauf in den keine Ahnung mehr wie vielten Stock. Zwei Etagen vor dem Dachgeschoss war jedenfalls Endstation. Der Angestellte meinte, wir müssten jetzt die Treppe nehmen. Und er flüsterte verschwörerisch, dass wir uns nicht erwischen lassen sollten. Ich fühlte mich ein bisschen wie Bonnie und Clyde (also mal zwei, weil wir ja zu viert waren), als wir die Treppen hoch schlichen. „It’s so exciting“, hauchte ich meinem American boy ins Ohr. „Oh yes, it is“, hauchte er zurück. Und in meinem Kopf lief bereits ein Film ab: Er und ich mit Blick über das nächliche New York. Eine Windbrise weht meine Haare vor mein Gesicht. Er streicht vorsichtig eine Strähne hinter mein Ohr … Dann zieht er mich an sich heran und …

So leicht, so glücklich, so frei …

„Geschafft! Champagner?“, rief mir Andi zu, als wir durch die Hintertür die Terrasse stürmten und zog mich zur ersten Bar.
„Ja, bitte bestell mir eins mit. Ich mach derweil nur schnell ein Foto.“ Ich drängelte mich durch die Leute, die sich alle angeregt miteinander unterhielten. Der Ausblick, der sich mir dann bot, überwältigte mich und ich tauchte gedanklich komplett ein in das Lichtermeer, das vor mir lag. Ich fühlte mich in dem Moment so leicht, so glücklich, so frei …

Mit einem Mal packten mich zwei starke Hände an den Schultern. „Na serwas“, dachte ich mir, „Der geht aber ran! Naja, aber eigentlich … Warum auch nicht!“ Ich drehte mich um und erblickte ein schwarzes Shirt. Ich schaute hoch, da war noch immer ein schwarzes Shirt. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und bekam endlich ein Gesichrt zu sehen. Ein unfreundliches, böses Gesicht. „You committed a trespass“, sagte er in tiefer, emotionsloser Tonlage. Tre-what!? Ich lächelte gequält. Er lächelte nicht, sondern zog mich durch die Meute zurück zur Hintertür, durch die wir gekommen waren. Zwei seiner Kollegen warteten dort bereits auf uns. Sie hatten Andi, meinen American boy und dessen Freund dabei.

Holt mir hier rauuuuuus!

Dieses Mal nahmen wir den offziellen Aufzug. Der war größer und so hatten wir acht auch genügend Platz darin.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich meine ebenso ratlose Freundin. In Gedanken spielte ich schon mal das bevorstehende Telefonat mit meinen Eltern durch: „Mama, Papa, ihr werdet nicht glauben, was mir passiert ist … Lustig … Ich sitze im Gefängnis. Also, wär super, wenn ihr mir helfen könntet. Also nur, wenn’s euch nicht zu viele Umstände macht. Vielleicht schaut ihr einen Sprung vorbei, hier in New York und HOLT MICH HIER RAUUUUUS!“
„He’s got a gun, guys!“, rief plötzlich einer der Security-Typen. Die anderen beiden drückten meinen American boy an die Liftwand. Zur gleichen Zeit ging der Lift auf.

Andi und ich blickten einander an. Als wäre es das selbstverständlichste der Welt stiegen wir aus und gingen zum Ausgang. Mit einem Puls von 378 setzten wir uns in eines der Taxis, die dort standen und fuhren weg.

Da war ich also: Eine 25-jährige Single-Frau mitten im Big Apple, die ums Arschlecken nicht wegen Hausfriedensbruch verhaftet worden war …

New York

Ein Kommentar

  1. Grossartig! Ich bin immer wieder so sinnbefreit (im positiven Sinn) tief berührt von deinem Texten! Danke und bitte erobere die Welt damit 😉

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.