Mama, ich bin 32 und weiß schon, was ich mache …

„Maaaamaaa! Jaaahaaaa!“, sage ich, verdrehe leicht genervt die Augen und atme laut auf, „Mama, ich bin kein Kind mehr. Ich bin 32 und weiß schon, was ich mache. Schwöööööre!“ Worum es geht? Unterschiedliches. Warum ich etwa meine Lieblingsschuhe noch immer trage, obwohl sie ausgebeult und ausgelatscht sind. Wie das ausschaut! Apropos: Wie kann ich mir überhaupt pinke Farbe auf die Lippen malen? Untertags! Im B.Ü.R.O!!!! Und wieso habe ich mich noch immer nicht bei meiner Tante bedankt, die mir Schokolade nach Wien geschickt hat? Zeit wird’s, die wartet ja. Aja, und wenn wir schon dabei sind: Warum habe ich die Tafel auf einmal gegessen? Das macht schlechte Haut. Und Blähungen.

Puh! Ich glaub, ich kann noch so alt, noch so reif und noch so erwachsen werden – meine Mama wird immer besser wissen, was für mich gut ist als ich selbst. „Weil ich nur das Beste für dich will“, höre ich sie sagen, während ich diese Zeilen schreibe. Ja, ja, eeeeeeeh. Trotzdem.

„Maaaaamaaa! Hast du mich lieb?“, nuschle ich leise ins Handy.
„Blöde Frage. Sicher! Sehr! Was ist los?“, antwortet sie mir.
„Nichts. Wollte dich nur kurz hören.“
„Sag! Ich merk sofort, wenn was nicht stimmt.“
„Alles gut.“ Kurze Pause. „Außer, dass er ein ziemliches Arschloch ist!! Ein ziemlich, ziemlich großes!“, bricht es aus mir heraus.

Die nächsten 20 Minuten rede und heule ich ununterbrochen. „Und dann hat er gesagt … Und stell dir vor, dann hat er auch noch so wenig Charakter … Hat er doch tatsächlich …“ Meine Mama hört zu, unterbricht mich kaum. Ab und zu fragt sie nach, um meinem Durcheinander an Erzählungen folgen zu können.
„Er hat mir das Herz gebrochen. Ich werde nie wieder glücklich werden! Nie, nie, niiiiiiiiie wieder!!!“, beende ich schließlich meinen Liebeskummermonolog.

„Also, wenn du mich fragst …“,

… beginnt jetzt meine Mama. Ich lehne mich auf meiner Couch zurück, schließe die Augen und lasse mich von ihren Erfahrungen, Weisheiten und Ratschlägen berieseln. Ich hab sie zwar nichts gefragt, aber es ist auch gar nicht so sehr das, was sie sagt … Es ist ihre Stimme, die mir unglaublich viel Druck nimmt und die Zuversicht gibt, dass alles schon wieder irgendwie gut werden wird.
Die Stimme, die mich seit meiner Geburt, schon davor, einfach immer begleitet. Die mich als Baby nachts in den Schlaf gesungen hat, wenn ich keine Ruhe finden wollte. (Ich glaub jedenfalls, dass sie gesungen hat. Vielleicht hat sie auch gerappt, keine Ahnung. Würde jedenfalls mein Faible für HipHop erklären.)

Die Stimme, die mich motiviert hat, endlich ohne Stützräder zu fahren und mir schon damals gesagt hat, dass ich alles schaffen kann, wenn ich will und an mich glaube. Die voller Stolz gejubelt hat, als ich meine erste Runde auf zwei Rädern gedreht habe. Die mich getröstet hat, als es mich dann doch hingeschmissen hat und ich mir die Knie am Asphalt aufgeschürft habe. „Gehört im Leben halt auch dazu“, hat sie gesagt.

Es ist die Stimme, die mich mit 14 (in einem ziemlich scharfen Tonfall) davor bewahrt hat (großes Danke!), mir beide Augenbrauen piercen zu lassen und die nie müde wird, mir seit Jahren zu erklären, worauf es wirklich ankommt und wie das Leben funktioniert. „Wenn jemand mutwillig so grauslich zu jemand anderem ist, kommt das zu einem zurück. Ursache, Wirkung“, spricht sie ins Handy. Ich ersticke währenddessen fast an meinem eigenen Geheule. Mutters Nachsatz: „Der Typ ist einfach ein armes Würstchen.“ Simultanes Seufzen.

Ach, Mama, …

… ich bin kein Kind mehr, ich bin 32 und weiß schon, was ich mache. Schwöööööre! Aber weißt du was? Ich glaub, ich kann noch so alt, noch so reif und noch so erwachsen werden – ich werd dich immer brauchen!

Danke, dass du kompromisslos für mich da bist!

Meine Mama und ich
Meine Mama und ich

 

3 Kommentare

  1. Schön geschrieben und so wahr! Und das Beste, ich weiß nicht wie sie es machen, aber sie wissen trotzdem meistens im Vorfeld wer oder was gut für uns ist. Muss der berühmte Mutterinstinkt sein … 🙂

    Antworten

  2. Toller text, und ist sicher so, schön das du so gutes verhältnis hast.

    Antworten

  3. Ach ja, die lieben Mamis 🙂
    Und das mit dem Mutterinstinkt find ich manchmal a bissl gruselig. Wie sie Dinge oft schon wissen oder erahnen, bevor man überhaupt noch irgendwas gesagt hat…
    Schön, dass es sie gibt 🙂

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.