Gehst du auf ein Bier mit mir?

Es gibt da diesen einen Typen in Wien, mit Halbglatze und John Lennon-Gedächtnisbrille, der stundenlang mit der U4 herumfährt und Frauen fragt, ob sie mit ihm auf ein Bier gehen. Und ich hab jetzt seinen Bruder kennengelernt. Also gut, vielleicht ist es auch sein Kusin. Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass die beiden, eventuell auch weitschichtig, aber fix miteinander verwandt sind. Muss so sein. Optisch würde man nicht draufkommen, aber vom Wesen her sehr, sehr ähnlich.

Ich sitze im Fitnessstudio auf einer der fünf Flachbänke, die parallel zueinander aufgereiht vor einem riesigen Spiegel stehen. Ich drücke die Gewichte mit meinen Armen nach oben. Zehn … Elf … Zwölf … Zieht ganz schön in den Schultern. Neben mir sitzt ein Asiate. Er macht eine ähnliche Übung, wie ich im seitlichen Augenwinkeln erkennen kann. „I’m a survivor, I’m not gon‘ give up, I’m not gon‘ stop, I’m gon‘ work harder“, singen Destiny’s Child in mein Ohr. Als der Song aus ist, höre ich, wie ein Herr um die 45 sich mit dem Asiaten neben unterhält. „Nimm weniger Gewicht“, sagt er, „Und dafür mach die Übung langsamer.“ Lustig, denke ich mir, die zwei hätte ich irgendwie gar nicht als Trainingsbuddys gesehen. Vermutlich Arbeitskollegen. Der Asiate nickt und nimmt leichtere Hanteln. „Everyday I’m hustlin'“, Rick Ross reißt mich aus meinen Gedanken. Ich mache mit dem nächsten Satz weiter.

Ein paar Minuten später …

… sehe ich, wie der Herr um die 45 sich mit jemand anderen unterhält. Ich geniere mich ein bisschen, weil ich beim Trainieren immer den Augenkontakt mit anderen vermeide, um mit niemanden ins Gespräch zu kommen. „Du könntest echt ein bisschen sozialer sein. Du könntest bestimmt nette Bekanntschaften machen“, sage ich mir und mache weiter mit einarmigem Rudern. Meinen Blick richte ich fixiert auf den Boden, während ich die Hantel mit der rechten Hand rauf- und runterbewege. Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter. Ich unterbreche meine Übung und schaue hoch. Der Herr um die 45 steht vor mir. Er bewegt seine Lippen, aber ich höre nichts, weil meine Musik läuft. Ich drücke auf „Pause“.

„Bitte?“, frage ich.
„Ich habe dich beobachtet“, sagt er. Ich schlucke. Ooooookay, so fangen schlechte Horrorfilme an. Oder noch schlechtere Pornos …
„Ähm, ja?“
„Du machst es falsch.“
„Ähm, was?“
„Die Übung. Du machst die Übung falsch.“
„Ähm, nein?“
„Du musst sie anders machen. Geh mal in die Ausgangsposition.“

Ich scanne den Mann von oben bis unten. Er hat grau meliertes, etwas schütteres Kopfhaar, trägt eine Brille ohne Rahmen. Er hat ein knalloranges Shirt an, das seine Wohlstandswampe nicht wirklich gut kaschiert. Weiter geht’s mit einem kurzen Trainingshoserl, es folgen kasweiße Soletti-Haxerl und den Abschluss machen gestreifte Tennis-Socken, die er bis zu den mickrigen Waden raufgezogen hat.
„Deine Pause ist schon viel zu lang! Weiter geht’s!“, ruft mir der Lauch mit Bauch zu, während ich ihn noch immer verdattert anstarre. Der Asiate neben mir wirft mir einen motivierenden Blick zu. Der Herr über 45 wiederum schaut ihn streng an. Der Asiate wirft die Arme hoch und trainiert weiter.

„Leider keine Zeit“, sage ich, greife nach meiner Trinkflasche, „Bin noch auf ein Bier verabredet.“

P.S.: Während dem Schreiben hatte ich die ganze Zeit einen Ohrwurm. Wer reinhört, ist selbst schuld 😉 Et voila!

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