Auf dass ihr die Nase nie abfällt!

Irgendwie bekomme ich das Bild nicht aus meinem Kopf. Letztens im Fitnessstudio hat neben mir eine trainiert: Groß, dunkelhaarig, echt gute Figur – und alt. Wie alt genau ist schwer zu sagen, typisches Ich-hab’s-mit-Botox-dezent-übertrieben-Gesicht. Sie ist zumindest fix älter als sie schwer ist. Geliftet dürfte sie auch sein. Das zumindest würde den unnatürlich asiatischen Eindruck erklären. Und die Nase … Puh, eigenes Kapitel! Erinnerte mich stark an Michael Jackson. In seinen schlechtesten Zeiten. Während ich 40 Sekunden im Plank-Stütz ausharrte, hatte ich bei jedem Jumping Jack, den sie neben mir machte, Angst, ein Stück ihrer Nase könnte durch die Erschütterung abfallen und mir in den Nacken plumpsen.

Ich konnte nicht wegschauen, hab dauernd heimlich rübergeschielt. Tut man nicht, ich weiß, aber ich konnte wirklich nicht anders. Als sie merkte, dass ich rüberschaute, spannte sie ihr Sixpack extra an und lächelte mich verkrampft an. Ich lächelte genauso gequält zurück. Gegen den Body war auch nichts zu sagen, echt nicht! Und sie hatte eine wirklich schöne Haut. Von dieser gab’s auch recht viel zu sehen. Neben ihrem schwarzen, knappen Sporthöschen trug sie einen schwarzen, ebenso knappen Sport-BH.

Während ich Ausfallschritte machte, überlegte ich: Wie wenig muss man sich eigentlich selbst mögen, wenn einen dauernd das Gefühl beherrscht, nie genug zu sein? Was muss passieren, dass man sich so überhaupt nicht mehr spürt und jeglichen Sinn für das eigene Erscheinungsbild verliert?

Ihr Anblick hat mir wirklich Angst gemacht. Er beschäftigt mich noch vier Tage später … Das alles macht mich irgendwie traurig. Warum kippen manche in so einen argen, krankhaften Optimierungswahn und quälen damit den Körper, der uns Tag für Tag das Kostbarste überhaupt schenkt: Unser Leben … !?

Jeder von uns kommt einmal an den Punkt, wo einen innere Leere übermannt. Bis jetzt war ich immer stark genug, mich ihr gegenüberzustellen und sie anzubrüllen. So laut und so lange, bis sie wegging. Aber wie standhaft man bleiben kann, wenn das Leben seine Watschen austeilt, kann man sich oft nicht aussuchen. Da rechnest du nicht damit und schon hast du eine sitzen. So eine feste Ohrfeige brennt ganz schön. Danach fühlt sich alles taub an. Und wenn man kaum noch was spürt, muss man eben ans Limit gehen, damit sich in einem überhaupt was tut. Um sich selbst davon zu überzeugen, dass man noch da ist.

Ich glaub, wir alle tendieren oft dazu, vorschnell zu urteilen. Zu sagen: „Geh, wäh, dass die sich so gefällt!“ Oder: „Hey, puh, mit der stimmt grob was nicht.“ Das mag ja sogar stimmen, aber oft stecken hinter solche Erscheinungen schwere Geschichten.

Ich hab mein Training an dem Tag nicht fertig gemacht. Ich hab drei Übungen vor Ende einfach Schluss gemacht. Stattdessen bin ich nach Hause, hab eine Freundin angerufen und mit ihr über eine Stunde am Telefon geplaudert. Mindestens 30 Minuten davon haben wir gelacht. Während unseres Gesprächs hab ich Macaroni mit Käsesoße gekocht. Eine riesige Portion Soulfood. Die Hälfte hab ich ihr gewidmet. Plus eine Reihe Schokolade als Nachspeise. Und hab für sie dabei drei Wünsche im Universum deponiert.
Nummer eins: Dass sie auch so viele liebe und ehrliche und wunderbare Menschen um sich hat wie ich.
Nummer zwei: Dass sie sich auch mal Mac’n’Cheese gönnt. Ganz ohne schlechtes Gewissen.
Und Nummer drei: Dass ihre Nase nie, nie, nie abfällt!

Ich beim Schreiben am Laptop über Nasen und Selbstoptimierung
„Und wenn man kaum noch was spürt, muss man eben ans Limit gehen, damit sich in einem überhaupt was tut …“

13 Kommentare

  1. Herrlich zu lesen! Und ich kenn auch so eine, mir aber fremde Person, im Studio, wo ich einfach hinschielen MUSS, und alle anderen dort ebenso… 😉 Der Wahn, der diese Menschen verfolgt, möge an uns vorüber ziehen!

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  2. Ich stelle sie mir vor. Die Nase im Anflug, im Sturzflug. Und geh beim Lesen fast in Deckung. Aber das ist jetzt oberflächlich von mir, denn du hast Recht. Selbstoptimierung ist nicht alles und hat meist ihre Gründe.

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  3. Solche leute die immer perfekt aussehen wollen und den körper kaputt machen gibt es überall ich verstehe es auch nicht wie man sowas tun kann, ja ich bin mit meinem bauch auch nicht zu frieden aber deswegen hungere ich nicht. Danke Kathi für deine geschichte. ☺️

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  4. Natürlich ist es immer schade, wenn Menschen sich so „verschandeln“, um dem Älterwerden zu trotzen. Ich sage mir immer, ich werde in würde altern und jedes kleine Fältchen an mir lieben. Ich werde jetzt 25 und da bekommt man schon den Tipp, man solle doch jetzt mit Antifaltencreme anfngen und ich denke mir nur so: „Wie bitte“?
    Letztendlich ist es aber doch die eigene Entscheidung, wie man mit seinem Körper umgeht. Ich habe jetzt auch Lust auf Nudeln mit Käsesoße gekriegt, vielen Dank!

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  5. Ich glaub ich hätte exakt genauso hingestarrt wie du. Aber ich versteh deine Gedanken darum sehr gut, ich frag mich auch so wahnsinnig oft, was für ein verzerrtes Wahrnehmungsbild und welch mangelndes Selbstbewusstsein man haben muss um sich sowas anzutun. Eigentlich müssen sie einem Leid tun…

    Liebste Grüße,
    Heidi von http://www.wilderminds.de

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  6. Hallöchen,
    ich finde es auch traurig, dass manche Menschen echt um jeden Preis versuchen, jemand anderes zu sein. Anstatt einfach dankbar zu sein, dass man auch Macken hat. Ich habe eine Wirbelsäulenverkrümmung, aber hey, ich mag meine Kurven. Andere haben Whoopys Haare und glätten sich diese.. Wieso? Jeder ist wunderschön! Wenn man selbst zweifelt, hat man kurzzeitig einen Grund Schokolade zu essen und danach zu sagen „So und nun bin ich wieder gut gelaunt!“ 🙂

    In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen tollen Tag :-*

    Liebst Linni
    http://www.linnisleben.de

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  7. Wenn einem die Werbung dauernd vorgaukelt, wie man selbst und sein Leben zu sein hat, dann werden genug Menschen irgendwann dran glauben. Traurig, aber wahr.

    Liebe Grüße, Nicoletta

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  8. 😀 Ich war echt gespannt auf was der Titel bezogen war 😀 Seh lustig zu lesen aber auch ein sehr ernstes Thema finde ich. Ich habe mit den Jahren gelernt, Menschen immer mindestens eine Chance zu geben und nicht auf die Meinung anderer über eine Person, zu hören. Hätte ich das gatan , hätte ich meine beste Freundin nie kennengelernt.
    Es ist leider so, dass wir oft vom Aussehen beurteilen…

    Liebe Grüße
    Nadine von tantedine.de

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  9. Ich glaube tatsächlich, dass plastische Operationen süchtig machen und irgendwie tun mir die Leute dann doch leid, die in dieses Muster verfallen.. Mhm Nudeln mit Käsesauce klingen unheimlich gut! Ich glaub die wird es bei mir zu Mittag geben 🙂 Danke für den Gedankenanstoß!

    Alles Liebe,
    Laura von http://www.lauratopa.com

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  10. Guten Abend.
    Ich mag meinen Körper schon immer wie er ist. Gibt soviel schlimmeres und verstehen kann ich solche Menschen nicht. Für welchen Preis muss man wer anders sein? Man muss doch innerlich irgendwann daran zerbrechen.

    Liebste Grüße,
    Sandra.

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  11. Und trotzdem darf man nicht vergessen – wie du auch schon erwähnt hast – dass bei manchen Menschen eben auch ein guter Grund dahinter steckt, warum sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut gefühlt haben. Ich bin auch kein großer Fan von solchen Ganzkörperoperationen, aber wenn die Frau sich damit ein Stück weit glücklicher fühlt. Warum nicht. Es muss schließlich nicht uns, sondern ihr gefallen. 🙂

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