Budapest: Ein Schiff & zwei Arten, damit zu fahren

Wenn bei Ausflügen das Essen dabei ist, ist das meistens eher „bäh“ als „mmmh“. Zumindest hab ich’s bis jetzt immer so erlebt. Als wir in Budapest Tickets für eine Schiffstour gekauft haben, haben wir uns deshalb gegen ein Dinner an Bord entschieden. Nach dem Motto „sicher ist sicher“ haben wir uns vor der Abfahrt ein Gulasch in einem Restaurant gegönnt. Der Vorteil: Im Lokal kann man den anderen Gästen auf die Teller stieren und sieht gleich, ob das Essen zumindest nach irgendwas ausschaut. Wenn es nicht so appetitlich wirkt, zieht man weiter. Ganz einfach!

Jetzt aber ab aufs Schiff! Beim Betreten werden die nicht-essenden Gäste nach links geschickt, die essenden eine Etage höher. Wir kommen in einen Raum mit etwa sieben riesigen runden Tischen. An jedem Tisch stehen zehn Stühle mit abgenutzten Sitzüberzügen. Wir sind zu spät für die guten Plätze direkt am Fenster. Im mittleren Gang ist aber noch etwas frei. Direkt über der Schiffsschraube oder dem Motor oder etwas anderem, das jedenfalls mordsmäßig vibriert. Pro Minute wandert der Sessel einen halben Meter weiter … Nach fünf Minuten fühlt sich mein Hintern taub an.

„Despacito“ und Wein aus dem Tetra Pak

Drei Musiker bauen sich  neben einer alten, leeren Vitrine auf. Während der ganzen Fahrt gibt es Livemusik. Ein Typ am Bass und zwei an der Geige. Erster Song des Abends: „Despacito“. Der erste Geiger gibt alles und mischt sich sogar unter das Publikum. Er fiedelt eine ältere Dame neben mir an. Sie lächelt, klatscht und freut sich. Er zieht weiter. Ich senke meinen Blick. „Nicht bei mir stehenbleiben, nicht bei mir stehenbleiben, nicht bei mir stehenbleiben“, bete ich innerlich. Und natürlich bleibt er neben mir stehen. Bingo! Beim Refrain deutet er mir, mitzusingen. Ich lächle gequält. Ziemlich hartnäckig der Geigen-Onkel. Er fordert mich noch einmal auf, ins Lied einzusteigen. „Despacito“ singe ich im Flüsterton. „Und jetzt bitte geh“, denke ich mir. Er lächelt zufrieden und blendet mich mit seinem goldenen Schneidezahn.

Auf der anderen Seite schlängelt sich ein Kellner mit einem vollen Tableau Getränke zwischen den Sitzplätzen durch. Zwei Trinken sind inkludiert. Ich nehme mir ein Glas Apfelsaft. Das Gesöff schmeckt nach Wasser mit Zucker. Oder Zucker mit einem Schuss Wasser. Zum Glück hab ich noch ein Getränk frei. Vielleicht schmeckt ja der Rotwein besser. Kurz dran genippt und festgestellt: Fehlanzeige! Naja. Macht ja nix. Wir sind nicht hier, um uns am Schiff zu besaufen, sondern um die tolle Belichtung von Budapest bei Nacht zu genießen. Und die ist wirklich, wirklich schön. Nur leider kann ich durch die Scheiben kein Foto machen, weil die so abgeschmiert sind. Aaaaaaber es gibt doch bestimmt eine Möglichkeit, sich ins Freie zu stellen.“Yes, yes. This way“, erklärt mir der Kellner und deutet in Richtung oberes Stockwerk. Na bitte!

Wie in einer anderen Welt …

Der Weg zur Terasse führt durch das gesamte obere Deck, wo die essenden Gäste sitzen. In der Mitte des Saals befindet sich eine stilvolle Bar mit vielen verschnörkelten Elementen, die das Ganze sehr edel wirken lassen. Links und rechts davon ist ein meterlanges Buffett aufgebaut. Die Gäste sitzen auf Stühlen, die bequem und neu aussehen, prosten einander zu, lachen und es wirkt, als würde ihnen der Wein schmecken. Oh Gott und das Essen!! Der Duft der gefüllten Krautrouladen setzt sich in meiner Nase fest. Und oooooh! Es gibt Schokopralinen und bestimmt fünf verschiedene Törtchen. Zumindest haben wir unten auch Vitrinen. Die im oberen Bereich sind halt geputzt und mit hübschen Dekoartikeln bestückt: Miniatur-Schiffchen, Matrosenmützen und Anker aus Gold.

Während ich gedankenverloren mit meinem Blick das Essen fixiere, fühle mich ein bisschen wie in der Neuverfilmung von „Titanic“, in der Rolle des jungen Leonardo DiCaprio. Ich sehe die Szene vor mir, wie er an einem Abend mit den Reichen essen darf. Nur dass für mich nicht mal eine winzige Krautroulade abfällt … War es eigentlich wirklich notwendig, ihn sterben zu lassen!? Das Ende vom Film macht mich auch noch 20 Jahre später traurig … Hm … „Keep going“, mahnt mich ein Kellner ab und schiebt mich zur Tür ins Freie hinaus. Durch die verglaste Front schiele ich sehnsüchtig ins Innere, mach ein paar Fotos, setz mich dann wieder auf meinen vibrierenden Stuhl im Schiffsbauch und klatsche zum Radetzkymarsch und dem Phantom der Oper.

Und was lernen wir aus der Geschichte!? Spare nicht die 30 Euro fürs Essen, wenn du in Budapest eine Rundfahrt mit dem Schiff machst!

Budapest bei Nacht auf einem Schiff
Muss man gesehen haben: Budapest bei Nacht. Ziemlich eindrucksvolle Sache!

4 Kommentare

  1. Coole geschichte, da könnte man glatt glauben das es das erste kapitel von einem buch ist.

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    1. Leider gibt es die Geschichte rund um die Titanic schon. Verdammt! Vielleicht irgendwas mit einem Piratenschiff!? 😉

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  2. ich liebe budapest und bei nacht noch mehr. ungarisches essen ist genial, aber ich kenne diese schiffsessgeschichten auch. war ja nicht abzusehen. beim nächsten mal dann 😉

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    1. Budapest ist wirklich, wirklich schön! Und das Essen auch, ja! Stimmt, beim nächsten Mal weiß ich’s besser 🙂

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