Drei Tage Kopfweh. Party machen als Ü30-Jährige

„Jetzt geht es los, tatatatata. Irgendwas mit Käse. Die Polonaiiiisee!!!“ Ich hopse in einer Reihe mit den anderen Gästen durch das Partyzelt. Ich kann den Text auch nach 400.000 Mal noch immer nicht, aber ich liebe, liebe, liiiiiiiebe Polonaisen! Genauso wie ich Clubtänze und den Silvesterstadl liebe – und damit vermutlich eine der wenigen bin. Also, nein, ich muss revidieren: Eine der wenigen, die dazu stehen. (Kleiner Exkurs: Ich bin auch ein totaler Fan von Chopin. Ganz besonders steht ich auf Op.9, No.2. Und nein, ich erzähle euch da keinen Schmarren!!)  Aber vor allem: Ich liebe dieses Geschunkle und Gehopse auch nüchtern! Ich brauch keinen Alkohol, um auf einer Party Spaß zu haben – so abgedroschen dieser Satz auch ist, er stimmt. Auch mit 0,0000000 Promille kann ich lustig sein.

„Wir ziehen los mit ganz großen Schritten, und der Erwin fasst der Heidi von hinten auf die …“, dröhnt es aus den Boxen. Ich singe „Gustav“ statt „Erwin“. Wurscht. Wooooheeeew! „TITTEN!!“, brüllt mir einer von hinten ins Ohr. So euphorisch kann ich gar nicht bei der Sache sein, um nicht zu checken, dass er mir dabei volle Wäsche in den Nacken spuckt. Ich drehe mich um. Er nickt staatstragend und mit einem Gesichtsausdruck, der sagen soll: „Ihr alle singt die falsche Version. Friedrich Goethe, ähm, Shakespeare, ähm, Schiller hat in der Originalfassung eindeutig ,Titten‘ geschrieben“. Dann stolpert er und fällt mit seinem ach so staatstragenden Gesicht in meinen Nacken. Halleluja!

Im Vorbeihopsen schnappe ich mir ein Glas, das herumsteht und noch ziemlich voll ist. Ein bisschen Lippenstift klebt am Rand. Keine Ahnung, wem es gehört. Egal. Ich brauch jetzt auf der Stelle was zu trinken. Und ich bin zwar multitasking, aber polonaisetanzend einen Spritzer mischen schaff ich dann doch nicht …

„Auf das Geburtstagskind“, rufe ich. Die Partycrew gröhlt: „Alles Gute!“. Ich: „Ex!“ Und schon setzen alle das Glas an den Mund und kippen sich den Inhalt in den Rachen als wären sie die letzten drei Tage ohne Wasser durch die Wüste gewandert. Inklusive mir. An dieser Stelle müssen wir jetzt aber wirklich einmal ehrlich sein. Ich bin nicht das Problem. Die anderen sind es. Würden die sich nicht betrinken, müsste ich es auch nicht tun. Getarnter Gruppenzwang. Gibt es auch noch Ü30. Wahnsinn eigentlich!

Nachdem das Geburtstagskind unter lautem Motivationsgeschrei eine Einhorn-Piñata geköpft hat, findet ein Karaoke-Spiel statt. Dieses Mal muss ich härtere Geschütze auffahren. Nach dem weißem Spritzer sehe ich mich gezwungen, Schnaps zu trinken. Es muss schnell gehen. Das erstes Gesangsduo steht schon vorne auf der improvisierten Bühne und haucht „Uuuuuh“s und „Ahhhhh“s ins Mikro, während das Intro von „My Heart Will Go On“ läuft. Ach, Jack! Also ich hätte ihn ja unter keinen Umständen losgelassen. Ich spüre, wie durch meine Adern ganz schön viel Sentimentalität saust. Vielleicht ist das auch der Birnenschnaps …

„Neeeear, faaaaar“. Okay, einer muss noch! Ich muss mir dringend die Stimmen der anderen schön saufen. Gaaaaanz dringend. Uuuuund um meine überhaupt irgendwie zu ertragen. Denn ich hab die schlechteste Singstimme auf der ganzen Welt. Ach, was red ich! Im ganzen Universum!!!! Und ich bin, zusammen mit ein paar anderen, als nächstes dran. Na gut, natürlich, streng genommen müsste ich nicht. Es würde bei Gott niemanden mehr auffallen, wenn mich vor diesem Spiel drücken würde. Aber ich will es nicht auslassen!!! Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich MUSS!!!!! Hallo!? Ich meine, es geht um die … *trommelwirbel* Backstreet Boys! „Quit playing games with my heart, my heart, my heart“. Ich setze einen sehr theatralischen Gesichtsausdruck auf und gebe alles. Verkannter Schlagerstar!

Einen Tag später

Alles dreht sich und in meinem Kopf hämmert es wie auf einer Autobahnbaustelle, wo fünfzig Presslufthammer im Einsatz sind. Nicht mal zehn Fleischlaberl schaffen Linderung. Ich sterbe … Und frage mich: Wie hab ich’s noch vor ein paar Jahren geschafft, zwei Tage hintereinander unterwegs zu sein? Jetzt bin ich froh, wenn ich’s vom Bett auf die Couch schaffe. Nie, nie wieder!

Zwei Tage später

Mir ist noch immer flau im Magen. Gleichzeitig könnte ich wie ein Mähdrescher essen. Ich hab Gusto auf Schweinsbraten mit Knödel, Wiener Schnitzel Spaghetti Cabonara und Mohnnudeln. Am besten alles auf einmal. Nie, nie, nie wieder!

Drei Tage später

Langsam erholt sich mein Körper wieder von der Party. Ich schaffe es wieder, vollständige Sätze zu bilden und mir wird nicht speiübel, wenn ich meinen Kopf zu schnell von links nach rechts drehe. Ich habe Gusto auf Burger, Nachos und Wraps. Glaub aber nicht, dass das noch mit der Party zusammenhängt.

Fazit: Eine richtige Party braucht Polonaisen und Piñatas (wahlweise tut’s auch ein Diadem). Und Kopfweh, das drei Tage anhält. Ich hätte gesagt: Darauf trinken wir einen! Haha, Spaß, nein, niemals! Naja, wobei … „niemals“ ist schon ein großes Wort …

20 Kommentare

  1. 😀 Superb! Leider wirds nich besser in den spaeten 30igern :), bleib bei hellen/klaren Getraenken und immer viel Wasser dazu reinleeren – dann gehts 🙂

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    1. Liebe Evy, haha, der Schnaps, den ich hatte, war hell und klar! Und es hat nicht gut geendet wie wir wissen haha

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  2. Genau. Niiiiiiiie wieder trink ich Alkohol – behaupten dann „die anderen“ – hätte ich gesagt, als ich mir am Donnerstag drauf ein Achterl bestell… Niiiiiiie.mals hätte ich so einen Schwachsinn verzapft, oder vielleicht kann ich mich auch einfach an den Tag danach nicht mehr erinnern😂🙈 #finally45 & ich kann dir jetzt schon was verraten, es wird mehr, besser, schneller, grandioser – nicht nur das Saufen, sondern auch das Leiden😎

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  3. OK so eine Feier kenne ich nicht und wäre nichts für mich 😂
    Sicher das du dir nicht unabsichtlich einen Magen-Darm geholt hast, als du aus dem Glas getrunken hast?

    Übrigens finde ich deine Schreibart sehr individuell und das finde ich sehr schön. Mit Sprache darf man spielen und auch sich austauschen ☺

    Schöne Zeit dir
    Es grüßt Nicole

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  4. Du musst es so sehen…. es war ein super Abend! ;oD

    Ja, wenn man so über 30ig ist, wird einiges anders, was aber nicht schlechter ist! hihi

    Hast einen tollen Bericht geschrieben, ich habe ihn sehr gerne gelesen!

    Hab einen schönen Tag!

    xoxo
    Jacqueline

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  5. Hallo!

    Toller Beitrag und super witzig😄
    Mit meinen 19 Jahren bin ich ja quasi im besten Alter zum Party machen, aber am nächsten Tag bin ich auch matschig und fühle mich etwas flau im Magen. Das kommt aber meistens vom Wein. Als Kind der Pfalz muss der natürlich bei jeder Party dabei sein.
    Also mein Tipp! Finger weg vom Wein und einfach weitermachen😄

    Liebe Grüße

    Pascale

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  6. *Einer geht noch, einer geht noch rein* Ich habe sehr gelacht und am Ende gedacht *Man wird eben auch nicht jünger* und *Ach egal, man lebt nur einmal*. 😉

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  7. Haha der Blogpost hat mir gerade so ein Lächeln auf die Lippen gezaubert! Bin zwar noch nicht 30, kann das aber eigentlich recht gut nachvollziehen. Meine Mama sagt immer: „Es wird nicht besser aber es wird interessanter.“ 😉
    Alles Liebe, Theresa

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  8. Haha 😂😂😂😂deine Stories sind der absolute ‚Böörnaaa‘ 😁 und wirft mich gedanklich ans eine oder andere Wochenende vor gefühlt 10 Jahren zurück.. ok vielleicht ist es auch erst 5 her, aber auch dort habe ich regelmässig schwer gelitten (mit damals Mitte 20) 😲😲😲

    Freu mich auf die nächsten zum-todlachen-Geschichten 🙈🙈🙈🙈

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  9. tolle Story 🙂 bin jetzt noch nicht in dem Alter wo mir das Saufen etwas anhaben könnte, daher hoff ich nur das beste. 😀

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  10. hahaha i feel you! gegen die sache mit dem magen helfen übrigens alka seltzer. und nein, ich krieg keine provison von denen, ich hab bloß schon x kater damit irgendwie überlebt. polonaise ist super, ich steh da auch dazu, auch nüchtern. und ich erkenne eine gewisse titanic-jack-affinität hier 😀

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